Wiprecht von Groitzsch

Das Privileg

1106. Herr Graf Wiprecht sorgte nicht nur für das gegenwärtige, sondern auch für das zukünftige Wohl seines Klosters. Auf den Rat des Herrn Abtes Windolf und seiner übrigen Getreuen beschloß er, das Kloster für immer unter die Gerichtsbarkeit und Gewalt des apostolischen Stuhles zu stellen, damit es später nicht durch weltliche Gewalt belästigt würde. Er sandte deshalb einen befreundeten Ritter Namens Luvo, der sich durch Gewandtheit in Geschäften und Rechtssachen auszeichnete, an seiner Stelle an den päpstlichen Hof nach Rom, damit er mit getreuer Begründung das Kloster der römischen Freiheit übergebe und sich darüber ein Privilegium ausstellen ließe.

Nachdem Papst Paschalis der Zweite, der Stellvertreter des heiligen Petrus, den Grund der Reise Luvos erfahren hatte, bestätigte er kraft seines apostolischen Amtes das Pegauer Kloster durch folgendes mit seinem Siegel versehene Privileg:

„Bischof Paschalis, ein Knecht der Knechte Gottes, allen Gläubigen durch ganz Sachsen Heil und den apostolischen Segen. Ein Wunsch, der einem frommen Zwecke und dem Heil der Seelen dient, ist nach dem Willen Gottes ohne Aufschub zu erfüllen. Für sein und für der Seinen Heil hat Wiprecht, ein erlauchter Graf sächsischen Stammes, im Merseburger Sprengel an einem Orte seines Besitzes, der Bigowia heißt, ein Kloster angelegt. Durch seinen Gesandten, den ansehnlichen Ritter Luvo, hat er es auf dem Altare des heiligen Petrus dargebracht und für immer dem Rechte des apostolischen Stuhles unterstellt. Nur die Schirmherrschaft wird Herr Wiprecht selbst behalten, nach ihm der älteste seiner Nachkommen, wenn er Lust haben sollte, der Kirche mit Gerechtigkeit und Segen vorzustehn. Sollte das nicht der Fall sein oder – was Gott verhüte – Wiprechts Nachkommenschaft ausgestorben sein, so mag der Abt des Ortes nach sorgfältiger Beratung mit den Seinen nach Gutdünken einen Schirmherrn wählen, der ihm und der Kirche dienlich scheint. Wir folgen dem löblichen Wunsche des Stifters und ordnen kraft gegenwärtigen Beschlusses an, daß genanntes Kloster und alles, was dazu gehört, unter dem Schutze des apostolischen Stuhles sicher und unverletzt verbleibe und ganz den Bedürfnissen der dort lebenden Diener Gottes diene, daß aber ein jährlicher Zins von einem Goldgulden an den Lateran bezahlt werde. Keinem Menschen sei erlaubt, das Kloster freventlich zu beunruhigen, seinen Besitz wegzunehmen, zu mindern oder unter Vorwand frommer Gründe für eigene Bedürfnisse zu verwenden. Das Begräbnis an dem Orte soll vollständig frei sein, damit keiner den frommen Wunsch und letzten Willen derer hindere, die dort begraben sein wollen, wenn sie nicht etwa excommuniciert sind. Die Salbung, das heilige Oel, die Einsegnung der Altäre und Kirchen, die Weihen der Mönche, die zu Priestern befördert werden, sollen die Brüder des Ortes von dem Bischof erhalten, zu dessen Sprengel sie gehören, wenn er in Gunst und in Gemeinschaft mit dem apostolischen Stuhle steht, und wenn er es ihnen umsonst und ohne Falschheit geben will. Sonst mögen sie die Sakramente der Weihen von jedem beliebigen katholischen Bischof empfangen. Ferner soll keiner durch Anwendung von List oder Gewalt dort als Abt angestellt werden, außer wen die Brüder durch gemeinsamen Beschluß oder ein Teil der Brüder nach heilsamerem Ratschluß in der Furcht Gottes und nach der Regel des heiligen Benedikt erwählen. Wenn aber jemand, was Gott verhüte, gegen diese für immer giltige Verfügung handeln wollte, den treffe Bann und Verlust seiner Würde und seines Amtes, es wäre denn, daß er seine Anmaßung durch entsprechende Genugthuung büßte. Denen aber, die dies halten, bewahre Gott Barmherzigkeit und Frieden immerdar. Amen. Der Himmel ist durch das Wort des Herrn gemacht.“(1) In demselben Jahre starb Kaiser Heinrich der dritte(2).

Anmerkungen
(1) Ps. 33,6
(2) Gemeint ist Heinrich IV. der Annalist bezeichnet ihn als den dritten, weil Heinrich I. nicht als römischer Kaiser gekrönt war.