Wiprecht von Groitzsch

Der neue Abt

1101. Zu der Zeit blühte der Orden, der mit der Hirsauer Regel sich bereits allenthalben rühmlich auszubreiten begann, vor den übrigen Klöstern Sachsens in der königlichen Abtei Corvei. Der stand damals als Abt Herr Marcward vor, ein ehrwürdiger und merkenswerter Mann.

An ihn wandte sich Herr Wiprecht und setzte ihm der Reihe nach alles auseinander, was sein Herz bewegte, daß nämlich der Zustand des klösterlichen Lebens in seiner Stiftung sich bisher noch nicht in der gehofften Weise gehoben habe aus dem einzigen Grunde, weil er keine geeigneten Mitarbeiter für seine Pläne gehabt habe. Er wollte thun, was der Klugheit Marcwards ratsam schiene; ganz besonders dankbar aber würde er sein, wenn Marcward die Güte hätte, ihm aus seiner heiligen Brüderschaft irgend einen tauglichen Mann mit einigen Genossen zu dem Werke mitzugeben. Wenn ihm seine Bitte gewährt würde, versprach er, für die Bedürfnisse der Brüder aus eignen Mitteln hinreichend zu sorgen. Der Abt, ein frommer, billigdenkender Charakter, nahm Wiprechts christliches Verlangen und Gesuch wohlwollend auf und begehrte, darüber des ganzen Konventes Rat und Willen zu wissen. Alle waren darin einig, daß man einen so hochstehenden Mann eine so fromme Bitte nicht vergeblich thun lassen dürfe, und bezeichneten einstimmig Herrn Windolf, einen ehrwürdigen Mönch, als zu dem Werke tauglich und geeignet. Und mit gutem Grunde. Wegen seines enthaltsamen Lebenswandels und wegen seiner strengen Beobachtung der religiösen Pflichten war Windolf damals Prälat oder sogenannter Prior über eine Zelle, die zur Abtei gehörte, und hatte dort seinen anvertrauten Mitbrüdern thatkräftig vorgestanden. Vorher soll er die Leitung der Schulen innegehabt und sich durch Kenntnis der Wissenschaften rühmlich hervorgethan haben. Auch hatte er eine Kanonikersteile in der Probstei Heiligenstadt besessen, sie aber um Christi willen aufgegeben und sich aus Liebe zum religiösen Leben im Kloster zu Corvei aufnehmen lassen. Er hatte also vom Beginne der Heiligung angefangen, und es war keinem zweifelhaft, wie heilig er durch die tägliche Zunahme an Tugenden nach und nach geworden war. Den geneigten Lesern wird das aus sichern Beweisen fortan noch klarer werden. Herr Windolf ward also zum Abte befördert, und andere Brüder wurden ihm zur Unterstützung bei der Arbeit beigesellt. Einer davon, Ludiger, der später Abt in Reinsdorf war, ward ihm zum Prior bestimmt. Auch erhielt er verschiedene , notwendige Dinge zum Geschenke, unter andern folgende Bücher: Antiphonar(1) und Graduale(2), Meßbuch, Rege(3) und Psalter, die bis: heute bei uns erhalten sind. Außerdem gab ihm Herr Abt Marcward Reliquien von dem Märtyrer Sct. Veit und andern Heiligen, empfahl ihn in Treuen der Treue des Herrn Wiprecht, sagte allen Lebewohl und entließ sie.

Damals herrschte aber großer Zwiespalt zwischen Reich und Geistlichkeit, so daß kein Priester unserer Landschaft mit dem Kaiser Heinrich verkehren wollte. Deswegen führte Herr Wiprecht seinen Abt mit sich zum Erzbischof Ruothard von Mainz, der damals zu Erfurt war und erlangte, daß er von dem die Hirtenweihe empfing. Mit Windolf zugleich ward an demselben Tage der Abt jener Stadt Namens Burchard geweiht. Darauf kehrte Herr Wiprecht mit Windolf in die Heimat zurück und übergab das Kloster, das er zum Heile seiner Seele gegründet hatte, dem neuen Abte, damit der es unter seine treue Obhut nähme und für alles Wohl des Ortes Sorge trüge.

Obwohl der Ort noch wild, unkultiviert und häßlich war, nahm ihn Windolf unter seine Fürsorge in dem festen Vertrauen, daß vor allem Gott sein Helfer sein werde. Aus der bescheidenen Einrichtung aller Werkstätten erkannte er seines Vorgängers Kleinmut. Er ließ die frühern Gebäude beseitigen, begann wie der erfahrenste Künstler würdigere aufzubaun und vollendete sie durch eigne rastlose Arbeit und in stetem Vertrauen auf Herrn Wiprechts Freigebigkeit. Nachdem er sich den Ort angesehen hatte, ließ er die häßlichen oder sumpfigen Stellen eben machen und von Dorngestrüpp und anderem Unrat säubern, erweiterte und vergrößerte alles und gab dem Gotteshause, das ihm anvertraut war und bis heute von seines weisen Meisters Wirken zeugt, das Gepräge vollendeter Schönheit. Unter anderem erhöhte er die Zahl der Brüder auf vierzig und mehr. Durch ihre tägliche Arbeit ließ er den obenerwähnten Burgsitz Erpos, der hinter Wällen und Gräben auf uneinnehmbarer Erderhöhung emporragte, soweit abtragen, daß dort ein Garten entstand, der mit seinem Reichtum an verschiedenen Früchten und Küchengewächsen die Gemeinde Gottes oft ergötzte. Außerdem begann er, im Osten am Wyhraflusse den Ort, der nach ihm Abtsdorf heißt, urbar zu machen, ringsum die Gebüsche vollständig auszuroden, die dichten Wälder auszurotten und die Äcker weiter auszudehnen. Er errichtete dort ein Gotteshaus, stattete den Hof für den Bedarf seiner Bewohner in reichem Maße aus und bestimmte, daß es für immer unsern Brüdern gehören solle. Auch erbaute er auf eigne Hand das Dorf Wolftitz, das unmittelbar ans Pegauer Dorf grenzt, und erhöhte das jährliche Einkommen daraus auf ein Talent. Ebenso machte er westlich von demselben Dorfe einen Ort nutzbar, daß er für die Bedürfnisse der Brüder acht Solidi einbrachte. Herr Wiprecht erkannte Windolfs Eifer und seine umsichtigen Pläne für das Kloster, erwies sich ihm bei allem als freigebigster Helfer und machte allen den Seinen zur Pflicht, mit ganzer Kraft das Gleiche zu thun. Das haben sie bei seinen Lebzeiten und auch späterhin aus Liebe zu ihrem Herrn und um ihres Seelenheiles willen frommen Sinnes gehalten, indem sie außer den täglichen Gunstbezeugungen dem Kloster viele Grundstücke zuwandten, was wir an der geeigneten Stelle berichten werden.

1104. Danach ließ Herr Wiprecht ein Stück neues Land im Merseburger Sprengel urbar machen. Er wandte sich nach Franken - wir erinnern uns, oben berichtet zu haben, daß seine Mutter Frau Sigena dort in Lengenfeld vermählt war - führte viele Ansiedler aus jener Provinz ein und ordnete an, daß sie den genannten Bezirk nach völliger Ausrodung des Waldes bebauen und sodann erblich besitzen sollten. Als etwas Spaßhaftes führen wir an, daß jeder das Dorf oder Besitztum, das er mit den Seinen durch eigene Arbeit urbar gemacht hatte, auch nach dem eignen Namen nennen sollte.

Nachdem Herr Wiprecht viele Dörfer zwischen den Flüssen Mulde und Wyhra angelegt hatte, war er seines frommen Vorhabens noch nicht überdrüssig. In rastloser Bethätigung seiner Frömmigkeit gründete er in dem erwähnten neubesiedelten Gebiete ebenfalls ein Kloster, nämlich in dem Dorfe Lausigk. Er hatte den Wunsch, dort wenigstens für sechs Brüder eine geeignete Zelle zu errichten. Der Ort sollte Pfarrort für alle umliegenden Dörfer sein und dem Pegauer Kloster unterstehn. Da Wiprecht das nicht bewirken konnte ohne Zustimmung oder Erlaubnis des Herrn Albuwin und der ganzen Merseburger Geistlichkeit, hielt er selbst mit demütiger Bitte um deren Einwilligung an. Sie genehmigten die berechtigten frommen Bitten oder Wünsche eines so hochstehenden Mannes und waren überzeugt, im Einverständnis mit der ganzen Kirche zu handeln. Mit ihrer Zustimmung gab der Bischof ein Privileg über die Zehnten aller zu der Parochie gehörigen Dörfer sowie auch anderer, die zwischen Whyra und Schnauder im Burgward Groitzsch liegen(4). Die Urschrift des Privilegs haben wir als Muster hier abgeschrieben: „Im Namen der heiligen und unteiligen Dreieinigkeit Albuwin durch Gottes Gnade Bischof von Merseburg: Kund sei allen Gläubigen, den gegenwärtigen und zukünftigen, wie wir auf Vermittelung des Herrn Wiprecht und des Abtes Windolf die Zehnten der umliegenden Dörfer und der andern, die in der Gegend noch angelegt werden mögen, um unseres Seelenheiles willen dem Pegauer Kloster Sct. Jacob und dessen Verwalter Windolf übergeben haben: Scazlausdorf, Ottendorf, Scadorf, Monichoroth, Lausigk, Suoerdorf, Zulanesdorf, Belanesdorf, Milanisdorf, Drogisdorf, Scazindorf, Wadisdorf, Wiseska, Everhardisdorf, Moisdorf, Sescuice, Kozowo. Die liegen aber im Burgward Groitzsch, in der Grafschaft des Markgrafen Udo, zwischen den Flüssen Wyhra und Schnauder. Geschehen im Jahre 1105 am 23. September, im neunten Jahre unseres Amtes, unter Zustimmung der Kanoniker Hupert, Vicedominus; Dietold, Dekan; Walther, magister scolarum; und der Laien Ludiger, Heinrich, Gisilbert und vieler andern Geistlichen und Laien. Ich, Albuwin, habe eigenhändig unterschrieben. Die Erde ist voll der Barmherzigkeit des Herrn. Wenn aber durch Anreizung des Teufels jemand diese unsere Übergabe ruchlos antasten sollte, der wisse, daß ewiger Fluch ihn treffen muß.“

Anmerkungen
(1) Sammlung der beim Gottesdienste üblichen Wechselgesänge.
(2) Text und Noten des Gesanges, den der Priester bei der Messe zwischen Gloria und Credo von den Stufen des Altars aus singt.
(3) Die Ordensvorschrift der Benediktiner.
(4) Der Burgward umfaßte das Gebiet, das unter dem Schulze und der Rechtspflege der Burg stand. Ueber die Burgverfassung (E. O. Schulze Kolonisierung S. 310 ff).