Wiprecht von Groitzsch

Die Gründung des Klosters Pegau

1091. Nachdem die zuvorkommende Gnade(1) Gottes Wiprecht mit ihrem Hauche erfüllt hatte, blieb sie auch mit ihrer fernern Hilfe nicht zurück. Die Liebe, die Gott in ihm entzündet hatte, mochte nicht müßig sein. Bei Tag und Nacht überlegte darum Wiprecht immer wieder, wie er sein geplantes Werk schicklich anfinge und noch schicklicher zu Ende führte.

Er hielt für gut, seinen Schwiegervater, den König Vratislaus von Böhmen, um Rat und Hilfe zu bitten, und säumte nicht, zu ihm zu gehn. Vratislaus billigte die löbliche Absicht seines Schwiegersohnes, händigte ihm siebenhundert Talente ein und machte ihn durch seine Worte und Versprechungen gar fröhlich. Voll Vertrauen ging Wiprecht im Hinblick auf die Hilfe seines Schwiegervaters an das Werk und legte es mit dessen Unterstützung an, wie es der Ehre Gottes und des heiligen Jacobus ziemte. Nach seiner Heimkehr ging er zum Erzbischof Hertwig von Magdeburg und bat ihn, den Ort für die Gebäude und den Gottesacker zu weihn. Auch Walraban von Zeitz und Albuwin von Merseburg lud er mit ein. Sie kamen, erfüllten ihre priesterlichen Pflichten, sprachen den Segen und rieten Wiprecht, nach dem Beispiele des gottesfürchtigen Fürsten Constantinus, des ersten und vornehmsten Gründers christlicher Kirchen, zwölf Körbe Steine auf den eigenen Schultern zu den zwölf Ecken der Grundmauern herbeizutragen. Wiprecht zeigte sich willig und entflammte auch alle die Seinen mit solchem Feuereifer zu der freiwilligen Arbeit, daß die Gründung nicht wie bei andern Kirchen durch Lohnarbeiter, sondern durch Ritterhände geschah und der Bau von Leuten wimmelte, die jenen nachfolgten und einander im Fleiße zu überbieten suchten, so daß sich das Gebäude in drei Jahren ohne Unterbrechung bis zur Spitze der Türme erhob. Ganz in der Nähe des Baues, wo jetzt das Hospital liegt, richtete Wiprecht inzwischen seinen Hof ein und ließ darin sofort Gott und Sct. Nicolaus dem Bekenner eine Kapelle baun.

1092. Hierauf hielt er für dienlich, sich nach einem frommen Manne umzuthun, der mit Brüdern seines Ordens die letzte Hand an das Werk legte, die Werkstätten baute und vor allem den Gottesdienst einleitete. Er wandte sich an das Kloster Schwarzach, dessen große Frömmigkeit er kannte, und erhielt Herrn Bero mit drei andern Brüdern als Mitarbeiter. Ihm übertrug er die Sorge für sein Kloster. Einst hatte er ihm für die Bedürfnisse der Brüder und für Baukosten dreißig Mark gegeben. Bero war baden gegangen, hatte den Schlüssel an den Gürtel geknüpft und das Geld liegen lassen. Nun lebte damals im Kloster ein Laienbruder(2), ein schlechter und verschlagener Mensch. Verbergen die Guten manchmal, was sie sind, so geben sich die Schlechten die größte Mühe zu scheinen, was sie nicht sind. In seiner Einfalt hatte der Abt die Unehrlichkeit des Menschen nicht bemerkt und ihn vor andern zu seinem Dienste herangezogen. Wie Judas mißbrauchte der Laienbruder solche Gunst. Er hatte die Sache, glaub' ich, lange vorausbedacht. Als der Abt ins Bad ging und er die Gelegenheit gekommen sah, nahm er unbemerkt den Schlüssel weg, bemächtigte sich des Geldes und entfloh. Wiprecht erfuhr das. Er zweifelte zwar nicht, daß die Einfalt, nicht böser Wille des Abtes schuld war; aber er hatte sich schon mehrere Male überzeugen müssen, daß ein solcher Abt sein Kloster nicht fördern konnte, und wollte ihn fortschicken. Bero aber bat um Frist und versprach, allen Schaden zu ersetzen. Um nicht die Schande einer so großen Geldverschleuderung auf sich zu laden, ging er nach Schwarzach und bekam in einiger Zeit von Bekannten und Verwandten die ganze Summe des leichtsinnig verlorenen Geldes wieder. Hierauf kehrte er nach Pegau zurück und arbeitete nach Kräften die ganze Zeit seines Lebens, vermehrte aber die Zahl der Brüder in keiner Weise. In ziemlich hohem Alter starb er im Herrn am 23. Dezember ohne geistlichen Segen und ward im Kloster begraben(3).

1093. Als Herr Wiprecht fast alles aufgewandt hatte, was ihm sein Schwiegervater, König Vratislaus von Böhmen, gegeben hatte, schickte er aufs neue zu ihm und ward in seiner Hoffnung nicht getäuscht. Denn Vratislaus sandte ihm abermals dreihundert Talente zur Weiterführung des begonnenen Werkes. In demselben Jahre stürzte Vratislaus auf der Jagd vom Pferde und starb eines plötzlichen Todes. Er war ein Mann, dem keiner seiner Vorgängern an Ehre, Macht und Reichtum glich. Alle deutschen Fürsten und selbst der Kaiser fürchteten ihn. Doch stand er aufs treuste zum Reiche. König Heinrich erprobte ihn oftmals und in mancher Not und schmückte ihn verdientermaßen mit dem Glanze des Königstitels. Vratislaus war der erste seines Geschlechtes, den Königsreif und Lanze(4) auszeichneten. Er hinterließ fünf Söhne, deren einer, Borwi, nach des Vaters Tode eine Zeit lang das Herzogtum innehatte; der andere, Uoldalrich, kam später unter Lothars Regierung zur Herrschaft.

Im Jahre 1095 ward die letzte Hand an das Pegauer Kloster gelegt. Unter der eifrigen Leitung des Herrn Bero, der in der Verwaltung der ihm anvertrauten Stelle nicht lässig war, wurden mehrere Werkstätten zum Gebrauche der Brüder eingerichtet.

Anmerkungen
(1) Die ältesten christlichen Kirchen hatten mit der Bauart auch den Namen der römischen Gerichts- und Börsengebäude angenommen.
(2) Laienbrüder gelobten Armut, Keuschheit und Gehorsam nur für bestimmte Zeit, unterschieden sich durch ihre Kleidung von den anderen Brüdern und besorgten die niederen Handarbeiten und andere weltliche Geschäfte.
(3) Vergl. Unterm letzten Abschnitt im Kapitel „Die Klosterweihe“ 1100.
(4) Vergl. Im dritten Abschnitt im Kapitel „Blutige Rache“ Im Jahre 1080.