Wiprecht von Groitzsch

Auf der Suche nach dem rechten Ort

So war dies glücklich erledigt, und Wiprecht kehrte in die Heimat zurück. Er wandte sich nach seinem Burgorte Leisnig, wo ihn die Menge der Seinen mit Freuden empfing. Er berichtete ihnen der Reihe nach die Ursachen und den Verlauf seiner Fahrt und hielt Rat mit ihnen, wo sich in seinem Gebiet ein geeigneter Ort für ein Kloster fände. Man war verschiedener Meinung; doch stimmten die Verständigern darin überein, daß er sich am besten in der Nähe seines Burgortes Groitzsch nach einem geeigneten Platze umsehen müsse.

Als er mit dieser frommen Absicht im Herzen sich dahin begab, kam er durch ein Dorf Namens Hyla, wo eine hölzerne Basilika steht, die damals ihres Alters wegen fast eingefallen war. Mit seinem Vertrauten Giselher trat er in die Basilika, um zu beten; denn es war seine Gewohnheit, daß er nie an einer Kirche vorüberzog, ohne ein Gebet zu verrichten. Als er sich nach dem Gebet erhob, sah er, - es ist wunderbar zu sagen - daß eine Reliquienkapsel auf dem Altar durch göttliche Fügung wie ein Buch sich öffnete und ihm ein heller Glanz daraus entgegenflimmerte. Da ward das Herz des mutigen Mannes von solchem Entsetzen befallen, daß er sich kaum aufrecht zu halten vermochte. Beim Hinausgehn fragte er seinen Vertrauten, ob er etwas gesehen hätte. Der sagte, er habe zwar nichts gesehen, aber ein ungeheures Entsetzen empfunden. Da erzählte Wiprecht, was er gesehen hatte, und sagte, daß er die Basilika zu erneuern gedächte. Er befahl, das sofort auf seine Kosten zu thun.

Darauf setzte er die begonnene Reise fort und kam nach Groitzsch. Auch da ward er mit nicht geringem Jubel aufgenommen. Da er alle Verzögerung haßte, eröffnete er den Verständigen sogleich, was er wünschte und gelobt hatte und unablässig bei sich überlegte. Sie meinten, er solle seinen Plan in der Nähe der Burg ausführen, an einem hochgelegenen Orte, der früher Nible hieß, jetzt aber Altengroitzsch genannt wird. Einigen, die sich die Sache genauer überlegten, mißfiel das. Sie machten den verständigen Einwand: Wenn die Burg einmal belagert würde, wie bekanntlich nachher geschah, werde das Kloster eine Zufluchtstätte der Feinde und das Verderben der darin Weilenden sein. Hernach ging die Meinung dahin, daß er einen Platz diesseit der Elster für sein hohes Werk bestimmte. Jetzt liegt dort unmittelbar am Pegauer Dorfe das Dorf Wolftitz. Damals war der große, anmutige, diesseit der Straße gelegene Platz noch nicht bebaut. Da aber der unausbleibliche lebhafte Verkehr der öffentlichen Straße dem Gottesdienste dort schädlich und verderblich geworden wäre, blieb auch dieser Plan unausgeführt.

Sorgfältig besah Wiprecht alles ringsum. Da erspähte man westlich vom Pegauer Dorf eine Stelle, die sich vortrefflich eignete, und, wie wir glauben, von Gott zu dem Baue bestimmt war. Sie gehörte aber nur teilweise zu Wiprechts Gebiete, denn dicht daneben lag der Burgsitz eines gewissen Erpo. Erpo hatte jedoch keinen Erben und war mit Wiprecht durch Verwandtschaft und Freundschaft eng verbunden. Wiprecht machte ihn mit seinem Vorhaben bekannt und erhielt in allen Stücken seine Zustimmung. Damit aber Erpo ganz auf das Eigentumsrecht an dem Orte verzichtete, gab ihm Wiprecht andere Lehnsgüter in Sachsen. Den Platz ließ er einebnen und die Befestigung vollständig wegreißen.