Wiprecht von Groitzsch

Die Wallfahrt nach Hispanien

Voll frommer Hingebung begab er sich zu Hertwig von Magdeburg und zu Wernher. Ihnen offenbarte er die Größe seiner Schuld und seine Bereitwilligkeit zur Buße. Er meinte, sie wüßten die Krankheiten der Seele zu heilen, und wollte nach ihrem Urteile in jeder Weise Genugthuung leisten, soweit er konnte. Sie zweifelten nun zwar nicht, daß sie ihn kraft ihrer Entscheidung entsühnen könnten. Um ihm aber seine Buße ein wenig zu erleichtern, rieten sie ihm mit sanften Worten, was sie fürs beste hielten: nach Rom an den Wohnsitz der heiligen Apostel und zu den Füßen des Papstes selber zu ziehn.

Er war sogleich bereit und empfand nicht schwer, dahin zu gehn. Mit wenig Begleitern zog er hinab nach Rom, wie ihm geraten war. Auf den Boden hingestreckt, benetzte er dort mit Thränen wahrer Buße die Kirche der Apostel, die er einst mit Blut besudelt hatte. Bei gegebener Gelegenheit ward er dem Papste vorgestellt und bekannte ihm mit tiefster Ergebung der Reihe nach den Grund der Reise und die große Zahl und Schwere seiner Sünden. Der Papst(1) verband mit der Würde seiner Vorgänger eine große Erfahrung in der wahren und heilsamen Arznei der Seelen und weiseste Mäßigung in der Anwendung der Bußmittel. Er gab Wiprecht einige vorläufige Ermahnungen, um seine Reue zu vertiefen, und schickte ihn zum Patriarchen von Hispanien, einem Manne von apostolischem Ansehen, den er um seines verdienstlichen Lebens willen selbst bewunderte. Er verfolgte natürlich dabei die unausgesprochene Absicht, ihm eine größere Mühsal der Reise oder eine andere Last, die Gott schicken könnte, aufzuerlegen, und riet ihm, sich in jeder Weise nach den Ratschlägen des Patriarchen zu richten.

Voll brennenden Verlangens eilte Wiprecht zu dem Patriarchen und berichtete ihm alles, was sich bisher mit ihm zugetragen hatte. Der Patriarch legte ihm ein Maß der Buße auf, das nach dem Urteile der Kirche seinen Vergehen entsprach. Nicht wie ein rücksichtsloser Treiber seines Mitknechts, sondern wie ein mitleidiger Freund sorgte er, daß die gefährdete Seele, die mit seiner Hilfe den Hafen des Heiles zu erreichen strebte, nicht aufs leere Ungefähr hinausführe, und gab ihr folgende heilsame Winke: „Wir scheuen uns, ein sicheres Urteil zu fällen über die öffentlichen Büßer unserer Zeit. 0 daß sie doch Büßer und nicht vielmehr Spötter wären, die eine Änderung ihres früheren Lebens nicht erkennen lassen, sobald sie wieder mit der Kirche ausgesöhnt sind! Wahre Gerechtigkeit besteht nicht im Anfangen, sondern im Beharren. Darum überlege, liebster Sohn, weshalb du so weite Länderräume durchwandert bist! Sicherlich konnte, ja würdiger als ich sollte der Papst dir Verzeihung deiner Sünden spenden; aber um deine Geduld zu prüfen, schickte er dich den weiten mühseligen Weg hierher, auf daß du schon von mir ein geringeres Maß der Buße empfangest um der Beharrlichkeit willen, die du bewiesen hast. So rate ich denn deiner Liebe als bestes und heilsamstes: Mache deine Sünden wieder gut durch Almosen, die, wie Wasser das Feuer, die Sünden völlig zu tilgen im stande sind. Stehn dir sonst genügende Mittel zu Gebote (guter Wille soll ihr Diener sein), so erbaue auf deine Kosten Gott einen Tempel zur Verehrung des heiligen Jacobus, dessen Basilika du niedergebrannt hast. Versammle dort dem Herrn soviel Diener, als du deiner Meinung nach kannst, und mache so nach des Herrn Vorschrift(2) dir arme Ordensbrüder zu Freunden mit dem ungerechten Mammon, damit sie, wenn du aus dem Leben scheidest, durch ihre fleißigen Gebete dir Aufnahme schaffen in die ewigen Hütten.“

„Ehrwürdiger Vater“, sprach Wiprecht darauf, „wenn du glaubst, daß es genüge, kann ich für sechs Brüder eine passende Zelle(3) baun und aufbringen, was sie zu ihrer Notdurft brauchen.“ Klug erwiderte der Patriarch: „Die da kärglich säen, werden auch kärglich ernten(4) und wer fröhlichen Sinnes und reichlich giebt, wird auch reichlich empfangen. Unter so wenigen kann der geregelte Gang in der Befolgung der Ordensvorschriften nicht in allen Stücken eingehalten werden. Wenn du irgend kannst, nimm noch ebensoviel andere hinzu; die werden vereint die Mönchsregelleichter zu halten vermögen. Je größer die Krankheiten, desto stärkere Arznei ist eben nötig, und auf größere Arbeit folgt größerer Lohn.“ Wiprecht versprach, mit Gottes Hilfe alles zu thun, wenn Gott ihm das Leben gäbe. Der Patriarch schenkte ihm eine Reluquie, nämlich ein Schienbein des heiligen Jacobus, söhnte ihn wieder mit der Kirche aus, spendete ihm Ablaß seiner Sünden, segnete ihn und ließ ihn ziehen.

Anmerkungen
(1) Urban II.
(2) Luc 16, 9
(3) Name für ein kleines Kloster.
(4) 2. Cor. 9,6