Wiprecht von Groitzsch

Blutige Rache

Somit war alles nach Wiprechts Wunsche geglückt. Aber Wiprecht ertrug Glück und Frieden nicht lange.

Er dachte daran, welche Unbill ihm die Adeligen unserer Gegend einst angethan hatten, überfiel sie deshalb unverhofft zu wiederholten Malen und trug reiche Beute davon. Einst geschah es, daß er in die Gegend des Burgorts Belgern kam, die benachbarten Dörfer plünderte und verwüstete, mitnahm, was mitzunehmen war, und wieder heimzog. Als das der Markgraf Heinrich von Meißen erfuhr, nahm er seine Reisigen und verfolgte ihn von dem Burgorte aus, ward aber von Wiprecht standhaft empfangen. Der Bannerträger des Markgrafen Heinrich fiel bei dem Zusammentreffen; Hertwig, einer von Wiprechts Leuten, durchbohrte ihn mit dem Speere. Die Gegner wurden schließlich gezwungen, in die Burg zu fliehn, und die Leute Wiprechts zogen mit der Beute davon. Ein andermal wieder gedachte Wiprecht sich an einigen zu rächen und bereitete sich vor, sie heimlich zu überfallen. Mitten in der Nacht kam er in das Dorf Lippen, wo ein ihm befreundeter Ritter Nohnte, und hielt sich da den Tag über verborgen. In der folgenden Nacht kam er mit dem Ritter heimlich nach Zeitz. Als er ausgekundschaftet hatte, daß sich seine beiden Todfeinde Ezelin und Hageno dort aufhielten, begab er sich schleunigst nach seinem Burgorte Schwerzau, nahm seine erlesensten Leute zu sich, überfiel unversehens Zeitz und brachte Ezelin nebst siebzehn andern um. Hageno und die übrigen mußten in die Basilika Sct. Jacobi fliehn. Da sie durch keinerlei Drohungen bewogen werden konnten herauszugehn, warf man leider ohne Schonung Feuer in die Basilika(1) und brannte sie nieder. So wurden sie gezwungen herauszugehn. Weil sie sich aber zur Freistatt der Kirche geflüchtet hatten, wurden sie nur des Augenlichts beraubt(2). Wiprecht that noch großen Schaden in der Gegend, dann kehrte er zurück.

Im Jahre 1079(3) kam es zwischen Heinrich und Rudolf bei Flarchheim zu einem Treffen. Die Sachsen flohen beim ersten Zusammenstoß. Herzog Vratislaus von Böhmen gewann dort die königliche Lanze Rudolfs, die seitdem mit kaiserlicher Genehmigung jedem Herzoge seines Geschlechts bei allen festlichen Aufzügen vorangetragen wird. Auch Wiprecht, der sich bei kriegerischen Ereignissen stets hervorthat, war an der Schlacht beteiligt.

Im Jahre 1080 rüstete der böhmische König Vratislaus zu einem Angriff auf die Sachsen, zog unter Wiprechts Führung durch den Gau Nisen und verheerte, plötzlich hereinbrechend, alles von Wurzen bis nach Leipzig. Wiprecht hatte ihm den Rat gegeben, bei Wurzen so lange auf seine Ankunft zu warten, bis er die Gegend um Belgern verwüstet hätte. Das Gerücht von ihrem Eindringen verbreitete sich unterdes rasch in der Nachbarschaft. Man rief sofort zu den Waffen, und bald waren viele Tausende beisammen und griffen die geängstigten Böhmen an. Die wehrten sich mit aller Kraft, aber schon war ihr Vordertreffen beinahe verloren, da erschien Wiprecht, schlug die Sachsen in die Flucht, tötete ihrer viele und eröffnete so mit seinem Schwerte den Böhmen die Möglichkeit wieder zurückzuziehen.

Unterdes kam der Kaiser aus Italien zurück und ließ dem Könige von Böhmen einen Hoftag zu Regensburg ansagen. Dort vereinigte sich das Heer der Bayern, Böhmen und der andern deutschen Stämme und zog durch das Gebiet des Burgorts Weida bis zu dem festen Orte Mölsen unweit des Elsterflusses. Hier traten die Sachsen mit dem Könige Rudolf, den sie vor drei Jahren gewählt hatten, dem Kaiser entgegen. Nach kurzem Kampfe floh das Heer des Kaisers und ward von Mölsen bis zu dem Dorfe Wiederau allenthalben geschlagen. König Rudolf empfing bei der hitzigen Verfolgung eine schwere Wunde am rechten Arme. Man brachte ihn nach Merseburg. Mit tiefer Reue darüber, daß um seinetwillen soviel Aufruhr und Blutvergießen entstanden war, starb er dort nach drei Tagen und fand ein ehrenvolles Begräbnis. Von dem überallhin versprengten Heere des Kaisers ließen alle den Kaiser im Stich und wandten sich heimwärts. Vratislaus und Wiprecht, die der Schlacht beigewohnt, aber König Rudolfs Tod noch nicht erfahren hatten, führten den Kaiser durch Böhmen hinweg.

Unterdes stieß Beterich von Teuchern von ungefähr auf die Leute Wiprechts. Beterich floh, fiel aber, von den Waffen seiner Verfolger durchbohrt, im Dorfe Queisau. Wie wir oben berichteten, waren Wiprechts Dienstmannen Hertwig und Peter samt dem Burgorte Groitzsch zu Beterich übergegangen. Nach Beterichs Tode ermahnte sie Wiprecht, ihres Eides eingedenk zu sein und ihm ihre Thore zu öffnen. Sie thaten es auf der Stelle, und er ließ zwei wohlbefestigte Türme in der Burg errichten. Zu der Zeit erhielt er vom Zeitzer Bischof Walraban den Gau Butsin mit elfhundert Hufen und Zubehör. Im Besitze dieser und vieler anderer Güter und Lehen, die einzeln aufzuzählen ermüden würde, erlangte Wiprecht unter dem Adel unserer Gegend den Ruf größter Tapferkeit und Tüchtigkeit. Da aber Tüchtigkeit vom Ruhme, der Ruhm vom Neide begleitet wird und Gewalt keine andere neben sich leiden mag, verfolgten viele Fürsten Wiprecht mit offenem Hasse. Sein neiderfüllter Nebenbuhler Markgraf Eckebert von Braunschweig bot alles auf, mit einem großen Heere in Wiprechts Gebiet einzufallen, und drang bereits über die Burg Teuchern vor. Als das Wiprecht hörte, hieß er sofort die Seinen zu den Waffen eilen und Eckebert, der nichts derartiges vermutete, angreifen. Durch den unerwarteten Angriff erschreckt, suchte der Markgraf sein Heil auf der Flucht. Die Gegner verfolgten ihn und bedrängten ihn hart, und es kam bei dem genannten Schlosse zur Schlacht. Ein Dienstmann, auf den Eckebert große Stücke hielt, griff dabei Wiprecht mit dem Speer an, durchrannte ihm den Schild und stieß ihm zwei Zähne aus. Zur schuldigen Vergeltung dafür spaltete ihm Wiprecht auf der Stelle mit seinem Schwerte den Schädel und trieb die ganze Schar des Markgrafen in die Flucht(4).

Im Jahre 1090 gedachte Markgraf Eckebert wiederum mit vermehrter Heeresmacht in Wiprechts Gebiet einzufallen. Eh er aber herankam, fand er in einer Mühle schmählich den Tod.

Von seiner hohen Gemahlin Judita, der Tochter des Böhmenkönigs Vratislaus, bekam Wiprecht zwei Söhne, Wiprecht den Jüngern und dessen Bruder Heinrich, sowie eine Tochter mit Namen Bertha. Seine Macht wuchs durch immer glücklichere Erfolge von Tag zu Tag, so daß er den sächsischen Fürsten und dem Kaiser selber gefährlich zu werden schien. Kaiser Heinrich fing an, ihn mit großer Mißgunst zu betrachten: er vergaß, was recht und billig war, und daß Wiprecht ihm bisher in mancher Mühsal und Gefahr getreulich beigestanden hatte, und ging damit um, ihn von der Höhe seines Glücks zu stürzen.

Anmerkungen
(1) Die ältesten christlichen Kirchen hatten mit der Bauart auch den Namen der römischen Gerichts- und Börsengebäude angenommen.
(2) Konstantin der Große hatte das Asylrecht der heidnischen Tempel auf die christlichen Kirchen übertragen. Schon der Vorhof einer Kirche sollte das Leben des Flüchtlings schützen.
(3) Am 27. Januar 1080.
(4) Im Original folgen die Jahreszahlen 1081 bis 1089 ohne jede Bemerkung.