Wiprecht von Groitzsch

Königliche Belohnung

Vor der Schar der Großen des Landes berichteten sie dort, wie alles abgelaufen war. Am Stoffe zum Erzählen fehlte es ihnen nicht.

Sie zeigten auch das Schreiben des Kaisers vor und die Geschenke, die sie von ihm erhalten hatten. Darauf faßte Borwi Wiprechts Hand und sprach: „Vater, den empfiehlt der Herr Kaiser deiner eifrigen Fürsorge und bittet dich, daß du seine getreuen Dienste, die er dem ganzen Reiche vor meinen Augen aufs thatkräftigste bisher erwiesen hat, würdig belohnst“. Da befahl der böhmische König, einen Schild, der mit ausgezeichneter Ciselierarbeit in Gold und Silber geschmückt war, desgleichen einen Bogen und Köcher, die der König von Ungarn kürzlich gesandt hatte, nebst vielem Gold und Silber zu holen und Wiprecht darzubringen. Der aber wollte nichts davon nehmen als Bogen und Köcher, indem er sagte, daß er durch eigne Kraft und Regsamkeit Goldes und Silbers genug erwerben könnte. Da glaubte der König, daß Wiprecht mehr und Besseres begehre, und ließ noch einen andern Schild bringen, mit mehr Schmuck versehen und mit kostbareren Geschenken beladen, desgleichen ein vergoldetes Schachbrett mit kunstvoll geschnittenen Steinen aus Elfenbein und Krystall (1). Aber auch davon wollte Wiprecht nichts nehmen als das Schachbrett mit den Steinen. Zum drittenmale ließ der König einen Schild mit ähnlichen Geschenken beladen, ein Horn von Elfenbein darauf legen und bot ihm außerdem zwanzig Rosse mit schönen Sätteln zur Gabe dar. Aber davon nahm Wiprecht nichts als das Horn. Da ward der König unschlüssig, was so groß wäre, daß Wiprecht die Annahme nicht verweigerte. Borwi, der Wiprechts Willen besser kannte, rief den Vater heimlich heraus und riet, jenem seine eben zur Jungfrau herangewachsene Tochter zum Weibe zu geben, das würde ihm selber für die Verteidigung seines Landes größern Vorteil bringen, als wenn er sie dem Könige der Russen oder Ungarn vermählte. Fröhlich gab der König seine Zustimmung und ließ die Jungfrau kommen, mit golddurchwirkten Kleidern und verschiedenerlei Geschmeide angethan und schön von Angesicht. Sie hieß Judita. Darauf rief der König Wiprecht heraus und übergab sie ihm auf seine Treue. Mit großem Danke nahm Wiprecht die Hand der Königstochter an. Die Kleinode erhielten mit Genehmigung des Königs seine Kämmerer(2) zur Aufbewahrung, denn er sah voraus, daß sie ihm später einmal nützen würden. Von dem Gebiete, das der König seiner Tochter zur Mitgift bestimmt hatte, schlug er einen Teil aus; er begehrte und erhielt dafür die darüber hinausliegenden beiden Gaue Nisen und Budissin. Zum sichern Schutze für seine Gemahlin erbaute er den Burgort Schwerzau.

Anmerkungen
(1) D. h. die Figuren („Schachzabelgesteine“) des einen Spielers bestanden aus Elfenbein, die des Gegners aus Krystall. Das Schachspiel war noch nicht lange im Abendlande bekannt und wird im höfischen Leben nicht vor dem 12. Jahrh. allgemein gebräuchlich.
(2) Die Kämmerer hatten den Schatz und beweglichen Hausrat zu verwalten, sowie für die Wohnräume und Bekleidung zu sorgen.