Wiprecht von Groitzsch

Böses Spiel

Um nicht halbgethane Arbeit hinter sich zu lassen, führte der Kaiser das Heer gegen die Veronesen. Petrus Leo hatte eidlich versprochen, ihm zu Hilfe zu kommen, und unterdes Geiseln gestellt sowie eine große Summe zur Besoldung der sämtlichen Heere erlegt. Als sie bei dem Hause Theodorichs(1) gegen Verona zu das Lager aufgeschlagen hatten, überlegte der Herzog von Verona, freilich sehr spät, daß er der königlichen Majestät nicht werde widerstehn können, schickte Gesandte ab, bat um Frieden, bot in jeder Hinsicht Genugthuung und versprach, Geschenke darzubringen und Gehorsam zu leisten, nur daß eine Aussöhnung zu stande käme und er und die Stadt geschont würden.

Wiprecht ward dieses Sühnevertrages wegen nach Verona gesandt. Der Kaiser erwartete seine Rückkunft bei dem Hause Theodorichs. Ihm zur Seite standen damals die Erzbischöfe von Mainz und Köln, die Bischöfe von Halberstadt und Münster, die Äbte von Fulda und Hersfeld und andere Fürsten mit dem jungen Könige von Böhmen. Man sprach zuweilen von Wiprecht und erklärte, er sei ein Mann von ganz hervorragender Tüchtigkeit, das wäre bei diesem Feldzuge allen aus unzweifelhaften Beweisen klar geworden. Der Kaiser sprach, das wolle er noch genauer erproben, und ließ Wiprecht in Eile zurückrufen, gleich als müsse er ihm seine Willensmeinung noch deutlicher auseinandersetzen. Es war aber dort in einem Hause ein Löwe eingeschlossen. Den befahl der Kaiser herauszulassen, um Wiprechts Unerschrockenheit zu prüfen. Der befreite Löwe erhob ein Gebrüll. Die ganze Menge der Anwesenden flüchtete an einen sichern Ort. Wiprecht aber, der von der ganzen Sache nichts wußte, ging hinein, und nur der junge Böhmenkönig ermahnte ihn auf der Hut zu sein. Als Wiprecht unversehens den Löwen auf sich zustürzen sah, drängte er seinen Waffenträger, ihm sofort das Schwert zu geben. Der aber ergriff es selbst und warf sich für seinen unbewaffneten Herrn mutig dem Löwen entgegen. Wiprecht, der mehr der eigenen Kraft als der eines andern vertraute, riß den Mann unwillig zurück und griff, – es ist wunderbar zu sagen, – den Löwen mit der Faust an. Der Löwe wich bald mit zerzauster Mähne vor ihm zurück. Hieraus können wir, wie ich glaube, nur die göttliche Vorsehung erkennen, die für alles sorgt. Denn weil Gottes Gnade den Wiprecht für die Zukunft zu großen Dingen bestimmt hatte, ward er aus der gegenwärtigen Gefahr wunderbar errettet. Wiprecht ging darauf zum Kaiser hinein und erkundigte sich, warum er zurückgerufen worden sei. „Zu deinem Heile“, sprach der Kaiser, „denn wir haben eben durch einen Versuch erprobt, daß du ein glückseliger Mann sein wirst“. Da aber Wiprecht genauer fragte, offenbarte ihm endlich der Kaiser, daß er zur Prüfung seiner Tapferkeit und Standhaftigkeit zurückgerufen worden sei. Hierauf fragte Wiprecht die Bischöfe und die übrigen Fürsten, ob das wahr sei. Als sie es bestätigten, bat er sofort den Kaiser um Urlaub, mit den Seinen ins Vaterland zurückzukehren. Aber der Kaiser schob die Gewährung hinaus. Wiprecht war jedoch von seiner Bitte nicht abzubringen und trug sich bereits mit dem Gedanken davonzugehn. „Ich meine“, sprach er zum Könige, „eine gute Entschädigung von dir verdient zu haben, für den ich so große Gefahren ausgestanden habe. Wohl, was für Gutthaten empfang ich, der ich zum besten des ganzen Reiches all das meine dahingegeben und vor allen Dingen mein und meiner Leute Leben aufs Spiel gesetzt habe? All diese Fürsten ruf ich zu Zeugen an, daß ich vor allen andern zuerst über die Alpen stieg, daß ich unter den vordersten als Streiter für dein und der Deinen Heil und Sieg auftrat. All deine glücklichen Unternehmungen dieses welschen Zuges habe vornehmlich ich angestellt und mit den Meinen vollbracht. Ich glaub, es genügt, soviel Mühe, Zeit und Kosten nutzlos aufgewandt und dazu die Leute verloren zu haben. Darum kehr ich zurück und werde von nun an andern Fürsten dienen, die sich begnügen, in der Not meine Standhaftigkeit zu prüfen und nicht mein Leben zum Hohne den wilden Tieren preisgeben. Mich deuchte, dir ein genügend angenehmes Schauspiel zu bieten, wenn ich auf die Feinde losging und sie mit der Kraft meiner Arme darniederschlug. Dir schien es sehenswerter, wenn ich von den Zähnen wilder Tiere zerrissen würde.“ Mit diesen und ähnlichen Worten ereiferte er sich gegen den Kaiser. Unermüdlich, unbezwinglich, aufbrausend, leidenschaftlich und waffenstolz, schied er von ihm. Wegen seines stolzen, leichterzürnten Sinnes flößte er auch dem Kaiser Scheu ein.

Da der Kaiser für sich von Schmeicheleien und Versprechungen keinen Erfolg erwartete, hielt ers für geratener, Wiprecht durch andere, denen er ein geneigteres Ohr lieh, zu beschwichtigen und seinen starren Sinn zu besänftigen. Deshalb forderte er den Erzbischof von Mainz und die andern obengenannten Bischöfe, Äbte und Fürsten auf, sich kläglich mit Wiprecht zu verständigen, und bat sie dringend, aus Liebe zu ihm und an seiner Statt möchten sie ein jeder von seinen kirchlichen oder fürstlichen Einkünften dem Grafen ein anständiges Geschenk machen. Er versprach, es ihnen doppelt zu ersetzen, und erklärte sich außerdem bereit, bei der nächsten passenden Gelegenheit Wiprecht bestimmt zu befriedigen, und zwar in dem Maße, wie sie selbst bestimmen würden. Sie gingen also Wiprecht nach und redeten ihm so lange zu, bis sie seinen stolzen Sinn, freilich erst nach langem Sträuben, umstimmten. Doch mußten sie ihm zum Pfande das Versprechen geben, daß sie alle mit ihm heimziehen wollten, wenn der Kaiser anders handelte, als er versprochen hätte. In Gegenwart des Kaisers ward von allen folgende feierliche Belehnung vollzogen: Der Mainzer gab ihm ein Geschenk von 1300 Talenten, der Kölner den ganzen Gau, der Horla heißt, der Halberstädter und der von Münster je fünfhundert Talente, die Äbte von Fulda und Hersfeld je dreihundert. Als Wiprecht wieder zum Kaiser kam, ging ihm der Kaiser entgegen und bekannte, daß er sich an einem so tüchtigen, aufs treueste zu ihm und dem ganzen Reiche haltenden Manne gedankenlos vergangen habe. Er gab ihm die Burg Leisnig mit vielen Ländereien zu eigen, später auf einem Hoftage(2) zu Merseburg ein Lehen von dreihundert Talenten beim Hof in Allstedt und Dornburg nebst Zubehör.

Der Kaiser erhielt darauf von dem Herzoge von Verona Geiseln sowie das geforderte Geld, nämlich fünfhundert Schalen, ebensoviel Schüsseln von Gold und Silber und viertausend Mark, und erlangte endlich den gewünschten Frieden. Wiprecht ging mit Borwi, dem Sohne des Königs von Böhmen, zum Kaiser und bat um seine Entlassung. Der Kaiser fragte ihn um Rat, auf welche Weise, seiner kaiserlichen Würde angemessen, er den böhmischen Königssohn entlassen möchte. Wiprecht sprach: „Es wird genügen, wenn du ihm hinreichenden Sold für sich und die Seinen, außerdem zwei Schalen und ebensoviel Schüsseln giebst, jedem Soldaten zwei Kleider und zwei Schüsseln, wie es der königlichen Milde geziemt, überdies aber dem Vater brieflich mitteilst, was für tapfere Thaten sie bei dir gethan haben.“ Der Kaiser billigte seinen Rat und wollte nun wissen, welchen lohn er selber aus dem königlichen Schatze begehrte. Wiprecht antwortete, er begehre gegenwärtig nichts, sondern wolle sich zu gelegener Zeit etwas ausbit- ten. Er sähe es aber gern, wenn er vom Kaiser durch Borwi, dessen kluger Vermittlung er vertraute, dem Könige von Böhmen derart empfohlen würde, daß dieser an Stelle des Kaisers seine Dienste belohnte, eingedenk der Würde und des Titels, die er mit Wiprechts treuer und umsichtiger Beihilfe unlängst erworben habe. Der Kaiser hat nach Wiprechts klugem Rate, sagte ihnen lebewohl und entließ sie. Hierauf schied der Sohn des Böhmenkönigs in Begleitung Wiprechts von dem Kaiser und sah den Boden seiner Heimat wieder.

Anmerkungen
(1) Das Amphitheater von Verona. Zu unterscheiden von dem vorher genannten Hause von Theoderichs. Das Amphitheater liegt jetzt mitten in der Stadt. Müllenhoff, die Bauten Theoderichs. Zeitschr. F. d. Altertum 12. Bd. 319.
(2) Hoftage wurden von den Königen gewöhnlich zu den vier hohen Festen, Weihnachten, Ostern, Pfingsten und Mariä Geburt abgehalten. Es galt als selbstverständliche Pflicht aller Fürsten der Provinz, wo der König gerade Hof hielt, die Feste in Gemeinschaft mit dem König zu begehen. Besonderer Einladung dazu bedurfte es nicht.