Wiprecht von Groitzsch

Der Italienfeldzug

Bei der Stadt Ulm in Schwaben trafen sie mit dem Heere des Königs zusammen. Immer rascher vorwärts strebend, kamen sie dem übrigen Heere voraus und waren die ersten, die über die Kämme der Alpen drangen. Um ihre Kräfte zu prüfen, verwüsteten sie in barbarischer Weise die Lombardei. Plündernd, mordend, sengend zerstörten sie Städte und Burgen. Alle kräftigen Leute, die sie gefangen nahmen, zwangen sie zur Dienstbarkeit, und jeder Ortskundige ward mit dem Tode bedroht, wenn er nicht offenbarte, wo reiche Beute zu holen war. Viele befestigte Orte zwangen sie zur Uebergabe, und das Heer hatten sie bereits bis auf tausend Bewaffnete vermehrt. Als der Kaiser nach ihnen die Alpen überstieg und von ihren kühnen Thaten erfuhr, war seine Freude nicht gering. Er stellte nun das ganze Heer in gehöriger Ordnung auf und kam nach Mailand. Die Konsuln und die Vornehmsten der Stadt empfingen ihn friedlich und ehrenvoll und boten ihm Unterstützung an. Unter ihrem Beistand und mit Truppen, die er aus verschiedenen Landesteilen zusammenzog, zwang er in vierjähriger, harter Belagerungsarbeit und nicht ohne Verluste alle umliegenden Städte und Burgen zur Unterwerfung: Cremona, Pavia und Lodi, Mantua und Crema nebst andern befestigten Orten, nur Verona nicht.

Hiernach ging der Kaiser gegen die übrigen Teile Italiens vor. Weil nun das Höchste stets zusammenbricht – dies Maß des Wachstums haben die Götter den Dingen der Menschen gesetzt – nahm das unruhige Rom, das den Schlechten immer zu Diensten stand oder von ihnen bedrängt ward, sich des Kaisers Ungnade auch jetzt noch nicht zu Herzen. Im Vertrauen auf die Größe seines italienischen und deutschen Heeres umzog der Kaiser die Stadt mit einem festen Belagerungsringe und hielt in dieser Stellung ungefähr drei Jahre aus. Als die Sache sich hinzog und die Äcker nicht bebaut wurden, gingen auch dem Heere des Königs die Nahrungsmittel aus, es duldete grimmigen Hunger, als wäre es selber belagert(1). Da aber bei den häufigen Zusammenstößen das Kriegsglück herüber und hinüberschwankte und beide Teile gleiche Verluste erlitten, ließ man den kühnen Mut auf keiner Seite sinken. Es wurden Späher ausgesandt, ob man irgendwo den Mangel an Nahrungsmitteln decken könnte. Da ward Wiprecht von seinen Spähern, die er ausgeschickt hatte, heimlich gemeldet, daß im nahen Gebirge Lebensmittel und eine Menge Herden von Groß- und Kleinvieh versteckt seien. Unverdrossen, unbezwinglich und thatkräftig, wie er war, eilte er rasch mit Kriegern des Königs und mit den Böhmen dahin, fand es, wie ihm angezeigt worden war, und dem ganzen großen Heere war eine Zeit lang geholfen. Als er eilend zurückkehrte, ward ihm mitgeteilt, daß die Römer einen Ausfall gemacht und den König zum Kampfe gereizt hätten. Das war unmittelbar vor der Himmelfahrtsfeier. Kaum hatte Wiprecht die Kunde erhalten, ließ er sofort die Banner wehn, machte eilig alles zum Kampfe bereit, flog ohne Rasten dahin, schlug sich mit den Seinen in wildem Grimm wie durch ein Spinngewebe dreimal durch die Schlachtordnung der Römer und wieder zurück, indem sie in barbarischer Weise niedermachten, was ihnen entgegentrat, und richtete ein überaus großes Blutbad unter den Gegnern an.

Da sah Wiprecht den König im Gedränge von Feinden umringt, er kehrte sich mit den Seinen dahin und erschreckte durch seinen Angriff die Römer so, daß er sie bis an das Stadtthor trieb. Dem Könige, der ihnen ebenfalls mannhaft zusetzte, ward das Schwert aus der Hand geschlagen. Die Rechte war ihm von den häufigen Streichen fast ganz erstarrt. Er rief Wiprecht. Der war sofort zur Hand und reichte ihm sein Schwert. Und da in solcher Bedrängnis nichts unwiderstehlicher ist als der Mut, ging er ohne weitere Waffe mit der Spitze seines Schildes so grimmig auf die bewaffneten Feinde ein, daß sie bis unter die Stadtmauer getrieben wurden. So endeten die Leute des Kaisers als Sieger den Kampf. Weil aber auf bei den Seiten viele verwundet waren, hielt sich der Kaiser sieben Tage im Lager zurück.

Unterdes gönnte Wiprecht seinen Gliedern einmal Ruhe. In Gedanken aber stets mit der vorliegenden Aufgabe beschäftigt, ließ er einen seiner Leute, Namens Raz, einen sehr rührigen und gewandten Mann, zu sich kommen und forderte ihn auf, rings die Mauern zu besehn und sorgfältig zu prüfen, ob er irgend eine Gelegenheit ausfindig machen könnte, wo sie die Mauern ersteigen und in die Stadt eindringen könnten, wenn die Wachen lässig wären. Raz gehorchte, ging mit kluger Sorgfalt zu Werke und erstieg behutsam die Mauer an einer Stelle, wo er nach dem Gehör vermutete, daß sie unbewacht sei. Da er sah, daß niemand da war, kehrte er zurück, meldete es heimlich seinem Herrn und sagte, daß die Römer leicht überrumpelt werden könnten, wenn er nichts versäumte. Wiprecht meinte, nichts versäumen zu sollen, – „denn immer schadet Aufschub dem, der bereit ist“(2) – nahm all seine Leute und eine kleine Zahl von den Böhmen, sowie zwei Leitern mit und war nach Raz, der den Führer machte, der zweite auf der Mauer. An den König schickte er unterdes einen Boten, er solle ihm so schnell als möglich Verstärkung bringen. Von den Soldaten hatten bereits vierzehn die Mauer erstiegen, die übrigen eilten nach. Da drang auch der König mit dem großen Haufen gegen die Thore vor und hieb die Thorflügel mit Beilen ein. Plötzlich machten die Römer Lärm und griffen die auf der Mauer mit Steinwürfen und Lanzen an. Als der König sich endlich der Stadt bemächtigt hatte, ließ er zur Strafe die Widerstand leistenden Römer in großer Anzahl niedermachen. Auch von den Seinen fand mancher Vornehme und Wackere in heißem Kampfe einen männlichen Tod. Doch war die Zahl der erschlagenen Feinde größer.

Der Papst floh mit seinem Oheim Petrus Leo und suchte durch die Hauptkirche(3) nach dem Hause Theodorichs(4) zu gelangen. Aber die Gegner kamen ihnen zuvor und vereitelten ihre Absicht. So wurden sie in einem Kloster eingeschlossen und hielten sich darin drei Tage. Sie machten wiederholt Ausfälle aus den Kirchtüren und beunruhigten die draußen Befindlichen durch ihre unvermuteten Angriffe. Da verabredete Wiprecht mit seinem Fahnenträger: sobald die Thüren wieder geöffnet würden, wollten sie einen Balken von außerordentlicher Größe und Schwere dazwischenwerfen, damit jene nicht wie vorher die Thüren geschwind wieder schließen und sich ins Innere zurückziehen könnten. Als die Römer ihr kühnes Wagestück aufs neue in ähnlicher Weise auszuführen versuchten, ward alsbald der Balken zwischen die Thorflügel geworfen, so daß sie nicht geschlossen werden konnten. Auch den offenen Eingang verteidigten die Römer noch tapfer. Da unternahm es Wiprecht, an der Spitze der Seinen einzudringen. Sie hieben so lange auf die inmitten des Thores Stehenden ein, bis sie ins Innere zurückwichen. Ohne schützenden Schild, denn der war ihm von den Schwertern der Feinde zu kleinen Stücken zerhauen worden, folgte Wiprecht hinterdrein, indem er das Schwert mit bei den Händen faßte und die hinter ihm nachdrängende Menge durch Wort und Beispiel anfeuerte. So erhob sich leider, als eine Folge der Sünden, in dieser Kirche ein überaus heftiger Kampf und großes Blutvergießen. Der christliche Name ward zum ungeheuern Gespött, die heilige apostolische Ehre und das Ansehen des geweihten Ortes vernichtet. Welcher Leser oder Hörer entsetzte sich nicht über eine so große Kirchenschändung, daß in der heiligen Kirche der Apostel Menschenblut floß gleich dem Tiberstrom?

Unterdes hatte sich der Papst mit Petrus Leo ins Sanktuarium geflüchtet. Dort wurden sie mit den ehrwürdigen Greisen ergriffen und auf Geheiß des Königs Wiprecht zur Bewachung übergeben. Als auf beiden Seiten ruhigere Erwägungen Platz griffen, ward nach vielen Verhandlungen der Papst mit dem König ausgesöhnt. Die aller Welt ehrwürdige Kirche ward auf Befehl des Königs in dreitägiger angestrengter Arbeit von dem vergossenen Blute gereinigt und im Beisein des Königs aufs neue geweiht. Der König ward feierlich zum Kaiser gekrönt und gab dem Papste alle Gefangenen ohne Lösegeld frei.

Das Morden schien beendigt und ein neues Leben aufzublühn. Der Kaiser bekam das überaus feste(5) Haus Theodorichs in seine Gewalt und besetzte es mit Leuten, die ihm günstig gesinnt waren. Auch zwanzig von den Leuten Wiprechts wurden dazu bestimmt. Zwölf davon starben an Gift, das ihnen von den Weibsbildern auf Anstiften der Römer zurechtgemacht worden war; Wiprecht, der die Hinterlist der Römer durchschaute, zeigte es sofort dem Kaiser an. Welchen thätigen und pflichttreuen Eifer aber dieser Mann im Dienste des Königs an den Tag gelegt hat, mag man daraus erkennen, daß ihm nach sieben Jahren von seinen sechszig Bewaffneten nur fünf und von den dreihundert Böhmen, die seinem Befehl unterstanden, nur neun übrig geblieben waren. Unerschütterlichen Mutes und bereit, sich jeder Gefahr zu unterziehen, stürzten sie sich fast nach Barbarensitte in den Tod.

Anmerkungen
(1) Der letzte Satz ist im Original ein Hexameter.
(2) Zitat aus Lucanus I. 281
(3) Die Peterskirche
(4) Später Engelsburg genannt, weil zur Zeit Gregors des Großen dort eine Engelserscheinung gesehen wurden soll.
(5) „Dietrich baute einen Turm; der liegt gegen die Tiberbrücke. Er machte aus dem Turm einen viereckigen Mantel von weißem Mamor. Die Steine sind ohnmaßen dick und lang. Sie sind mit Blei und eisernen Klammern zusammen gelötet. Der Turm ist innerhalb des Mantels gebaut, von Ziegeln rund und hoch. Viel schöne Wohnungen sind darauf. Es ist wohl einer der besten Türme, die je gebaut worden sind.“ (Gothaer Handschrift der repgauischen Chronik).