Wiprecht von Groitzsch

Der wilde Wiprecht

1039. Zu der Zeit gelangte der erhabene Kaiser Heinrich zur Regierung, der Sohn jenes Kaisers Konrad, der auf Heinrich den Frommen folgte. Seiner rastlosen Thätigkeit und der gnädigen Hilfe Gottes dankte das Reich den Genuß friedlicher Sicherheit. Ueber die Stadener Mark herrschte damals Udo. Dem ward der junge Wiprecht nach dem Tode seines Vaters von seiner verehrungswürdigen Mutter übergeben. Er erzog ihn mit Ehren, bis er zum Manne heranwuchs, umgürtete den künftigen Fürstengenossen selber ehrenvoll mit dem Ritterschwert und belehnte ihn freigebig mit dem Burgorte Tangermünde und Zubehör(1).

Der junge Wiprecht aber nahm zu an Kräften des Geistes und an Vermögen, und es war zweifelhaft, ob er durch seine Klugheit oder durch seine Thaten größern Erfolg hatte. Da er fortwährend viele Feinde mit bewaffneter Hand niederwarf, fürchteten ihn seine Bekannten und Freunde nicht weniger als die Feinde selbst und hüteten sich sorgfältig, ihn irgendwie zu beleidigen, wie das leicht einmal zu geschehen pflegt. Weil Tapferkeit ihm Ruhm erwarb, erwarb der Ruhm ihm Haß. Die seine Rechtschaffenheit zu lieben schienen, mochten ihn doch nicht zum Nachbar haben. Deshalb rieten die meisten dem Markgrafen, Wiprecht auf irgend eine Art, nur friedlich und mit Ehren(2) zu entfernen und dadurch nicht nur sich und die Seinen, sondern auch seine Nachkommenschaft vor Schaden zu bewahren. Udo eilte, den klugen Rat genau zu befolgen, und gab dem Jünglinge nach freundschaftlicher Uebereinkunft zum Tausche für das Balsamerland seine Burg Groitzsch im Osterlande in der Nähe des Elsterflusses mit allen Gerechtsamen in Dörfern, Wäldern, Wiesen und Weiden. Als Ersatz für Tangermünde aber gab er ihm andere zur Nordmark gehörige Lehen. Wiprecht war damit einverstanden und zog gen Aufgang, wo der wahre Aufgang aus der Höhe ihn später besuchen sollte(3).

Als ihm die Zeit gekommen schien, zog sich Wiprecht mit den Seinen in die genannte Burg zurück, und da er dem Frieden abhold und an Aufregung und Beschwerden gewöhnt war, beunruhigte er, was von Adel in seiner Nachbarschaft saß, – nicht ohne Schädigung der Gegend. Es hatten aber damals viele Adlige ihre festen Sitze in der Landschaft: Beterich von der Burg Teuchern, Friedrich von Cutze, Ficelin von Profen, sein Bruder von Trebniz und Hageno von Tubichin. Da Gewalt niemals eine andere Gewalt neben sich leiden mochte, schlossen sie sich einmütig zusammen, um Wiprecht als Feind ihres Lebens und Landes so schnell wie möglich zu vertreiben. Wiprecht war zum Widerstande zu schwach, und um nicht all das Seine zu verlieren, hielt ers für geraten, eine Zeit lang ihrem Hasse zu weichen und aus dem Lande zu gehn. Er verabredete mit den Seinen, unter andern mit seinem Dienstmann Hertwig und einem, der Peter hieß, sie sollten sich samt der Burg Groitzsch, scheinbar ohne sein Wissen, dem erwähnten Beterich übergeben. Er selbst nahm hundert Reisige und begab sich zum Böhmenherzog Vratislaus. Hier fand er um seiner Tapferkeit und Tüchtigkeit willen eine ehrenvolle Aufnahme und erwarb sich leicht die Freundschaft des Herzogs wie aller seiner Großen. Als ihn alle hinreichend kannten und er auch bei den andern alles scharf beobachtet und erwogen hatte, sprach er unter anderem zum Herzog: „Ich gestehe, daß ich mich nicht genug wundern kann, wie ein Mann von deinem Namen und deiner Macht so gleichmütig die Einbuße des königlichen Titels und Ansehens ertragen mag. Die Nachteile liegen klar zu Tage: Mächtige, angesehene Grafen und Freie, die deinen Vorfahren Lehnstreue geschworen und gehalten haben, weigern sich, deiner Herrschaft unterthan zu sein. Ich möchte dich darauf aufmerksam machen, wie ungehörig und unangemessen das ist. Ich erinnere mich eines deiner Vorfahren Namens Bongo, dem nicht nur Grafen und andere Edle und Mächtige, nein sogar Herzöge und Markgrafen dienten. Er erwarb die königliche Würde und Gewalt, erweiterte sein Reich bis zum Lande der Seringer und überstrahlte die andern Fürsten, die gleich mächtig waren, an Ansehn und Ruhm. Wünschest du die verlorene Königswürde wiederzugewinnen, so bedenke, daß jetzt eben die rechte Zeit dazu ist. Die Verwirrung im Reiche bietet eine Gelegenheit, die sich mit Erfolg benutzen läßt. Was mich betrifft, will ich dir mit Rat und That behilflich sein, soweit ich kann“.

Nachdem Wiprecht die Sache noch weiter auseinandergesetzt und dargelegt hatte, was er für zweckdienlich hielt, versprach der Herzog, ihm in allem zu folgen.

1080. Um die Zeit entstand ein Streit und großer Zwiespalt zwischen König Heinrich, dem Sohne des obengenannten Kaisers Heinrich, und den Sachsen, so daß man zweifeln mußte, ob die Sache ohne Blut vergießen (wovor uns Gott bewahre!) entschieden werden könnte. Der Kaiser gedachte aber einen Zug nach der Lombardei und Italien zu unternehmen, um den lärmenden Händeln der Sachsen aus dem Wege zu gehn. Wiprecht glaubte, die Zeit werde für die Ausführung seines Vorhabens günstig sein, ging mit einer kleinen Zahl der Seinen zum Kaiser und versprach, auf eigene Kosten mit sechszig Mann in kriegerischer Ausrüstung zur Bestrafung der Reichsfeinde mit dem Kaiser aufzubrechen. Doch stellte er die Bedingung: Wenn der Kaiser und die übrigen Fürsten ihn als unentbehrlich für das Reich erprobt hätten, sollte die Milde des Kaisers ihm allen Schaden, den er unlängst im Osterlande erlitten hatte, ersetzen und seine Treue belohnen. Die Fürsten und der Kaiser nahmen das mit Freuden an. Wiprecht hatte sich aller Wohlwollen erworben und hielt die Zeit für günstig, mit dem herauszugehn, weswegen er gekommen war. Er erklärte, wenn der Kaiser und die Fürsten seinem Rate bestimmten, werde er nicht nur das, sondern sogar noch Besseres zum Wohle des Reiches in Gang bringen. Da der Kaiser ohne Zögern seinen Beifall zu erkennen gab, brachte Wiprecht vor, es würde der kaiserlichen Würde in keiner Weise schaden, sondern ihr sogar nützen, wenn der Kaiser den Herzog Vratislaus von Böhmen zum Könige krönen ließe, Vratislaus aber viertausend Talente in den kaiserlichen Schatz lieferte sowie seinen Sohn und Wiprecht selber mit dreihundert Bewaffneten zu dem Zuge nach Italien abordnete. Dem Kaiser lagen die verwirrten Zustände des Reiches im Sinne; er wollte hier ausweichen und dort angreifen; und da Wiprecht eidlich gelobte, sein Unternehmen mit sechszig Mannen(4) auszuführen, traten alle Fürsten als Bürgen für das Versprechen des Kaisers auf: Wenn Wiprecht seinen Worten gemäß handelte, sollte er für die Mühe und Gefälligkeit, zu der er sich freiwillig ver- pflichtet hatte, und zum Lohne seiner Treue eine in jeder Hinsicht angemessene und königliche Vergütung an Würden und Lehen vom Kaiser erhalten. Mit diesem Versprechen ward Wiprecht von dem Kaiser und den Fürsten mit gebührendem Abschied entlassen und kehrte zu Vratislaus nach Böhmen zurück. Dem meldete er, was er für die Wiedererlangung seines Titels und seiner Würde gethan hatte, und bewog ihn durch klare Gründe, dem Kaiser viertausend Mark Silbers und der Kaiserin dreißig Pfund zu schicken, dazu seinen Sohn Borwi mit dreihundert Mann nach Italien abzuordnen.

Als nun die Fürsten aller Stämme, mit Ausnahme der Sachsen, nach Würzburg zu einem Reichstage zusammenkamen(5), kam auch der Böhmenherzog dahin, dicht umgeben von einer auserlesenen Schar der vornehmsten Herren. Den Grafen Wiprecht hatte er mit der bestimmten Summe bereits vorausgeschickt. Auf Befehl des Kaisers und unter Zustimmung der Fürsten ward Vratislaus durch den Erzbischof von Mainz und die Bischöfe von Constanz und Würzburg zum Könige geweiht. Wie verabredet war, gelobte er hierauf, dreihundert Bewaffnete zum Zuge des Kaisers zu stellen. Wiprecht aber bestürmte er mit der Bitte, er möge seinen Sohne begleiten. Wiprecht antwortete, er könnte das nicht versprechen, da er dem Kaiser dieselbe Zusage gegeben habe wie Vratislaus. Vermöchte jedoch Vratislaus beim Kaiser durchzusetzen, daß man ihn stets neben den Zelten seines Sohnes ließe, so würde er ihm gewiß ein unzertrennlicher Helfer und Gefährte sein. Auf des Herzogs Bitte ward vom Könige demgemäß bestimmt. Vratislaus nahm hierauf Abschied und zog wieder in sein Land. Er vergaß sein Versprechen nicht, nachdem er die Würde erlangt hatte, sondern hielt Rat mit seinem Getreusten und Vertrautesten, übergab ihm seinen Sohn und ordnete beide samt den dreihundert mit vollständiger Kriegsausrüstung und reichem Solde versehenen Streitern zum Heere des Königs ab.

Anmerkungen
(1) Um nicht seine Feindschaft zu erregen.
(2) Ev. Lucae 1,78
(3) Man pflegte bei den Heeren nur die Zahl der Ritter anzugeben.
(4) Zu den Reichstagen wurden die Fürsten eingeladen, da auf diesen Zusammenkünften Fragen zur Beratung kamen, die das Wohl des ganzen Reiches betrafen. Anders als bei den sogenannten Hoftagen.