Wiprecht von Groitzsch

Die Ahnen

Der deutsche König Emelrich hatte zwei Brüder, Dietmar von Verden und Herlibo von Brandenburg. Herlibo bekam drei Söhne: Emelrich, Vridelo und Herlibo, die Harlungen genannt wurden. Davon verlobte sich Herlibo mit der Tochter des Königs von Urwege und pflanzte sein Geschlecht in zwei Söhnen fort, von denen er den einen Zwetibor, den andern Wolf nannte. Einer der Söhne Zwetibors war Scambor.

Wolf gewann die Herrschaft über Pommern. Von dort ward er vertrieben und floh zum Könige von Dänemark. Der hatte schon von dem kraftvollen jungen Manne gehört und nahm ihn gern auf. Nachdem er seine Leibeskraft und seinen unerschrockenen Mut oft erprobt hatte, zog er ihn in den Kreis seiner nächsten Vertrauten und gab ihm auch seine Tochter zum Weibe. Bald aber wurden die Brüder seiner Frau neidisch auf den Ruhm und die glücklichen Erfolge des ausgezeichneten Helden und suchten, ihn aus dem Lande zu vertreiben; denn sie fürchteten, er werde nach des Vaters Tode ebenso mit ihnen verfahren. Aber der nagende Neid, der dem Glücklichen nichts gönnt, bringt meist den Neider selbst in die Lage, alles zu verlieren. Solange der Schwiegervater lebte, hielt Wolf es für geraten, dem Neide der Söhne zu weichen. Als er aber bald darauf erfuhr, daß der Vater gestorben war, griff er die Söhne mit bewaffneter Hand an, erschlug sie und nahm als Schwiegersohn des Königs unter allgemeiner Zustimmung das Reich allein in Besitz. Das Glück blieb ihm nun treu. Seine schon erwähnte Gemahlin schenkte ihm drei Söhne: Otto, Hermann und Wiprecht, den Vater des Markgrafen Wiprecht. Durch Kriegsglück gewann er die Herrschaft über die Gegend der Balsamer. Als das Alter und die häufigen Kriege seine Kraft endlich erschöpften, blieb er doch seines Glückes wegen beim Volke in hohem Ansehn. Man glaubte, es könnte weder im Kriege noch sonst in einer Gefahr etwas gelingen, wenn er nicht wenigstens dabei wäre. In seiner Gegenwart meinte jeder siegreich zu sein. Man vertraute seinem Glücke noch mehr als vorher seiner Tapferkeit und hoffte, mit einem Manne in so hohem Alter könne niemand ein Unfall widerfahren. Schließlich konnte Wolf vor Altersschwäche nicht mehr auf dem Rosse sitzen, da banden ihn die Seinen darauf, damit er ihnen so im Kriege voranzöge. Als er gestorben war, trugen sie nach ihrer Barbarensitte den Leichnam zum Tempel der Götter, umliefen, nach den Sippen geordnet, in Schlachtrüstung mit gezückten Schwertern die Totenbahre und feierten unter Klagen sein Leichenbegängnis.

Nach Wolfs Tode übertrug ein Oheim der im Dänenlande Erschlagenen seinen Haß gegen Wolf auf dessen Söhne und fiel in ihr Gebiet ein. Da sie ihm nicht standzuhalten wagten, flohen sie. Otto wandte sich nach Griechenland, Hermann nach Rußland; Wiprecht war von den andern Brüdern ins Balsamerland gegangen, das ihm als väterliches Erbteil zugefallen war. Wiprecht war ein kluger, waffentüchtiger Mann und vollbrachte als trefflicher Ritter viel ausgezeichnete Kriegsthaten. Infolge seiner Tüchtigkeit ward er bekannt und vertraut mit Herrn Goswin dem Ältern, Grafen von Leinungen. Da der sah, daß Wiprechts Thatkraft seiner edeln Abkunft entsprach, gab er ihm seine Tochter Sigena, eine wohl gestalte Jungfrau, zur Ehe; denn er war der ganz richtigen Meinung, Wiprecht werde seinem Geschlecht noch in fernen Zeiten zur Zierde gereichen. Als Mitgift bestimmte Goswin seiner Tochter Mohrungen und Gatersleben samt Ländereien, Allodien und Zubehör. Die übrigen Erbgüter, nämlich Leinungen, Siebigerode und Drackenstädt gab er seinen beiden andern Töchtern. Wiprecht erhielt aus dieser glücklichen Ehe einen Sohn, der der Erbe seines Namens und Reichtums ward und als jüngstes der nachgelassenen Kinder den Vater später an Tapferkeit noch weit übertraf, wie der geneigte Leser sehen wird. Auch zwei Töchter bekam Wiprecht von Frau Sigena. Die eine heiratete ein gewisser Heinrich von Leinungen, die andere der ältere Wernher von Veltheim, dem sie zwei Söhne schenkte: Wernher und Adelgot, den spätern Erzbischof von Magdeburg. Diesem Wernher war erbrechtlich auch der äußerste Teil(1) von Pegau zugefallen.

Wiprecht der Ältere besaß, wie wir schon sagten, das Balsamerland. Eingedenk der väterlichen Tapferkeit und der Unbill, die er durch seine und seiner Brüder Vertreibung erduldet hatte, suchte er häufig das Land der Barbaren durch seine Angriffe heim und besonders die Stadt, die in der Sprache der Barbaren Posduwle, d. h. Wolfsstadt, genannt wird. Die unglaubliche Beute, die er oft davontrug, verteilte er freigebig an alle seine Landsgenossen und verpflichtete sich dadurch vornehm und gering zu treuer Freundschaft. Er war noch ein junger Mann und stand in der Fülle seiner außerordentlichen Tapferkeit und Körperkraft, da machte ein früher Tod seinem Leben ein Ende, während sein Sohn Wiprecht noch ein Knäblein war.

Frau Sigena konnte nur schwer über den Verlust eines solchen Mannes getröstet werden. Endlich aber gab sie zu, daß man sie mit dem Grafen Friderich von Lengenfeld vermählte. Dem gebar sie einen Sohn gleichen Namens sowie eine Tochter. Diese heiratete den Grafen Ruotger und schenkte ihm zwei Söhne: Ruotger, späteren Bischof von Magdeburg, und den Grafen Friderich. Die Tochter dieses Grafen Friderich heiratete den Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach und gebar ihm zwei Söhne, nämlich Otto, der nach des Vaters Tode Pfalzgraf ward, und den Grafen Friderich. Der freundliche Leser, der eine so ausgezeichnete Nachkommenschaft zu kennen begehrt, möge uns diese Abschweifung nicht übelnehmen, die wir uns erlaubt haben wegen der Vornehmheit des Geschlechtsregisters und vor allem zu Ehren der Frau Sigena, die den Gründer des Pegauer Klosters unter einem glücklichen Sterne gebar und erzog.

Anmerkungen
(1) Platea = Gasse, Platz, Acker