Neukirchen-Wyhra, seine Braunkohle, Anfang und Ende

Die Entwicklung ab 1872, die Zeit der Eisenbahnen

Mit dem Jahre 1872, dem Jahr der Eröffnung der Leipzig–Borna–Chemnitzer Eisenbahn, setzt die der Geschichte des Bornaer Braunkohlenbergbaues und damit auch des Neukirchen-Wyhraer Bergbaues, eine neue Periode ein. Sie ist gekennzeichnet durch Bestrebungen zur Betriebskonzentration und schnell anwachsende Fördermengen, eine Entwicklung der Brikettier- und Feuerungstechnik und eine Zunahme des Arbeitskräftebedarfs. So entstand 1871 u. a. die Braun­kohlen­aktien­gesellschaft „Glück Auf“ in Borna und 1872 die „Aktien­gesellschaft Braun­kohlen­gesellschaft Borna-Lobstädt“. Diesen Beispielen folgend ließ der Neukirchener Rittergutsbesitzer Herrmann 1881 einen Schacht zur Gewinnung von Braunkohle unmittelbar westlich der heutigen B 95 teufen (niederbringen). Unter 12 bis 14 m Lockergestein steht ein Braunkohlenflöz mit 5 bis 6 m Mächtigkeit an (Flöz II der insgesamt 2 Flöze umfassenden Schichtfolge des Bornaer Reviers, nach Kurt Pietzsch, u. a. Professor an der Bergakademie Freiberg, geb. 1884 in Borna, gest. 1964). Das Flöz wurde in einer Scheibe abgebaut.

Rittergut und Bergwerk gerieten ab 1885 in wirtschaftliche Schwierigkeiten. An den Versuchen das Unternehmen zu sanieren beteiligte sich auch der Altenburger Kommerzienrat Förster. Er muss ein energischer Mann gewesen sein, denn er setzte auf Betriebserweiterungen. So stellte Rittergutsbesitzer Herrmann 1885 auf Drängen Försters bei der zuständigen Behörde Anträge auf Erweiterung des Abbaus durch das Niederbringen von zwei Schächten und den Bau einer Brikettfabrik um Teile der Lagerstätte östlich der heutigen B 95 abzubauen.

Die Behörden brauchten damals wie heute, viel Zeit um Genehmigungen zu erteilen: deshalb das Telegramm eines offenbar sehr erregten Herrmann vom April 1886: Telegramm vom April 1886. Text des Telegramms: Muß Neukirchener Fabrikbau 1 Jahr verschieben, wenn Bauerlaubnis länger ausbleibt, wann erhalte ich diese? Herrmann.

Die Genehmigung kam mit insgesamt 15 Auflagen. Sie betrafen u. a. Beschränkungen bei der Annäherung an die Eisenbahnstrecke und den Ausbau von untertätigen Strecken unter der „Chaussee“ Chemnitz-Leipzig in Mauerwerk. Das schränkte die Wirtschaftlichkeit des Kohlenabbaus und der Brikettfabrik stark ein und führte in den Folgejahren mit zur Verlagerung der Kohlengewinnung nach Wyhra.

Es wurde am Standort Neukirchen ein turmartiges Gebäude für eine Brikettfabrik errichtet und ein neues Kesselhaus gebaut. Das alles erfolgte mit beachtlichem Tempo. Schon im November 1887 zeigte Herrmann der Amtshauptmannschaft Borna die Fertigstellung der Anlagen an.

Doch es gab auch viel Ärger: Am 5. Januar 1887 klagte die Aktienbrauerei Borna wegen Verschmutzung des Wassers der Wyhra durch eingeleitete Grubenwässer und erhob die Forderung nach Unterlassung der Einleitung. Die Brauerei benutzte das Wasser der Wyhra offensichtlich über Pumpwerke als Kühlwasser. Der Streit wegen des Wassers muss sehr heftig gewesen sein, denn noch 1892 verfeuerte die Brauerei in der Altstadt Borna, also nahe Neukirchen-Wyhra, noch immer Kohlen aus dem Meuselwitzer Revier und aus Böhmen.

Geldstrafen wegen eines nicht errichteten Zaunes mussten am 4. Juli 1887 gezahlt werden.

Nach diesem Ärger und den vielen Mühen schied der Rittergutsbesitzer Herrmann im Jahr 1888 offensichtlich enttäuscht aus dem Unternehmen aus; Kommerzienrat Förster wurde neuer Bergwerksdirektor. Die Brikettfabrik arbeitete gut, 1891 erzeugte sie 17 Millionen Stück Briketts.

Ganz anders der untertägige Grubenbetrieb; er lief nicht gut. Die Auflagen aus den Genehmigungen wurden wirksam, deren Realisierung erhöhte die Kosten und es gab Wassereinbrüche in die und in der Grube.

Ein Bericht des Bergamtes Chemnitz vom Juli 1890 besagt: „Bei Unwetter in der Nacht vom 21. zum 22. Mai hatte sich durch den Tagebau (gemeint ist eine Gräberei im Bereich der jetzigen Ausbildung der Straße nach Schönau aus der B 95 zwischen Zedtlitz und Neukirchen, z. Z. – im Sommer 2011 – ist dort die Baustelle im Zuge der BAB 72) Wasser in die Grube ergossen, weil der Aufseher Thormann es unterlassen hatte, in der zum Tagebau führenden Strecke Schutzvorrichtungen zum Einsatz zu bringen.“ (Die beschriebene untertägige Strecke wurde im Zusammenhang mit den Vorbereitungen zum Bau der Autobahn 2011 verfüllt. Vor der Verfüllung konnte man im Winter beobachten, dass in dem Bereich, wo die Strecke ihr Mundloch [Öffnung nach übertage] hatte, der Schnee zuerst taute.)

Die Grube, also alle untertägigen Grubenräume, ersoffen und das hatte zur Folge, dass am 6. Juni 1890 dem Bergamt Freiberg vom Betriebsleiter mitgeteilt wurde, er werde am nächsten Wochenende alle Arbeiter entlassen. Das Bergamt erhob aus sicherheitstechnischen Gründen Einspruch und Herr Förster legte die Grube nicht still, sondern stundete sie, d. h. sie wurde zeitweilig außer Betrieb genommen.

Der Kommerzienrat Förster und seine Mitarbeiter erkannten, dass nur mit einem Aufschluss einer zusätzlichen Grube der Weiterbetrieb der Anlagen am Standort Neukirchen gesichert werden konnte. Außerdem stieg wegen der Weiterentwicklungen auf dem Gebiet der industriellen Feuerungsanlagen der Bedarf an Brennstoffen. Förster beauftragte deshalb seinen Betriebsführer Gramm beim Bergamt Freiberg um Genehmigung nachzusuchen, auf dem Flurstück 247 der Flur Wyhra mit einem Ansatzpunkt 100 Meter vom nach Blumroda führenden Weg einen Schacht von 1 x 2 Meter in Bolzenschrotausbau niederbringen zu dürfen.

Am 8./9. Oktober 1890 erhielt er die Genehmigung, aber es gab auch wieder Ärger, weil bereits vor der Genehmigung am 23. September 1890 mit dem Schachtabteufen begonnen worden war. (Diese Handlungsweise zeigt, unter welchem Druck das Unternehmen wegen der Abbauprobleme am Standort Neukirchen stand.)

Das Niederbringen des Schachtes gelang. In den Akten steht: Braunkohlenwerk Wyhra zu Wyhra. Man begann mit der Vorrichtung (der untertägigen Vorbereitung für einen Scheibenbruchbau) und 1891/92 ging eine 2400 Meter lange Drahtseilbahn für einen Kohlentransport nach der Brikettfabrik Neukirchen in Betrieb. Leistung der Anlage belief sich auf 700 t/d mit Seilbahngefäßen von 500 Litern Inhalt.

Die Seilbahn baute die Firma Adolf Bleichert Leipzig. Da es dem bergbautreibenden Unternehmen am Standort Neukirchen offensichtlich an Geld mangelte, trat das Unternehmen Bleichert als Anteilseigner in das Förstersche Unternehmen ein. Adolf Bleichert verstarb 1901 während eines Kuraufenthaltes in Davos. Seine Söhne Max und Paul führten das Unternehmen weiter.

1896 erhielt die Brikettfabrik Eisenbahnanschluss. 1897 erwarb Bleichert die noch im Besitz Försters befindlichen Anteile des Unternehmens in Neukirchen-Wyhra. Im gleichen Jahr begann Bleichert mit dem Aufschluss eines Tagebaus ca. 500 m südwestlich des Schachtes bei einer Deckgebirgemächtigkeit von 12 bis 16 Meter (Tagebau Wyhra). Er erweiterte die Brikettfabrik um 3 Pressen und einen neuen Schornstein.

Den Aufschluss des Tagebaus Wyhra, d. h. das Abräumen des Deckgebirges übernahm die Firma H. Brauns und E. Bartling mit Sitz in Wiesbaden mit einem Dampfbagger (6 Meter Schnitttiefe) und 3 Dampfloks mit je 6 Holzkasten-Kippern von 4 m3 Inhalt. Mit dieser Technik wurden die Abraummassen auf dem Bruchfeld des Tiefbaus verkippt. Heute steht auf dieser „Abraumkippe“ die vom Unternehmen Artelt errichtete Windmühle.

Ab 1899 versorgte Bleichert die Brikettfabrik mit Kohlen aus dem Tagebau und dem Tiefbau. Die Gewinnung der Kohle im Tagebau erfolgte noch im Handbetrieb, die Förderung über eine sogenannte untertägige Doppelbahn – das sind 2 parallel verlaufende, je rund 750 Meter lange Strecken – zum Förderschacht und von dort mit der Seilbahn zur Brikettfabrik. Der Schacht erhielt einen eisernen Förderturm.

Am 26.01.1902 war im Bornaer Tageblatt folgendes zu lesen:

Amtliche Bekanntmachung des Kgl. Amtsgerichts Borna: Auf dem die Firma Adolf Bleichert, Braunkohlenwerke Neukirchen/Wyhra in Neukirchen betreffenden Blatte 165 des hiesigen Handelsregisters ist heute das Ausscheiden des Inhabers Adolf Bleichert in Leipzig, sowie folgendes eingetragen worden. Inhaber sind:

a) die Fabrikbesitzers Witwe Viktoria Emilie Hildegard Bleichert geb. Oelschig
b) der Fabrikbesitzer und Ingenieur Max Adolf Bleichert
c) der Fabrikbesitzer und Kaufmann Max Paul Bleichert
d) der Bergbeflissene Hans Alfred Bleichert
e) der unmündige Hermann Adolf Willy Bleichert
f) der unmündige Adolf Georg Bleichert
g) die unmündige Johanna Elsa Helene Bleichert

allerseits in Leipzig-Gohlis (wo Bleichert seine Maschinenbau–Firma besaß und betrieb) seßhaft. Die Gesellschaft ist am 29. Juli 1901 errichtet worden. Die unter b) und c) Genannten dürfen die Gesellschaft nur gemeinschaftlich oder jeder Einzelne in der Gemeinschaft mit einem Prokuristen vertreten. Die unter d), e) und f) Genannten sind von der Vertretung ausgeschlossen. Reg. I a 6/02, Borna, den 17. Januar 1902 Königliches Amtsgericht

1906 wurden die Braunkohlenwerke Neukirchen-Wyhra in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Das Aktienkapital dieses Unternehmens betrug 1,2 Millionen Mark, aufgeteilt in 1200 Aktien zu je 1000 Mark. 1100 Aktien behielt die Erbengemeinschaft, 100 gingen an die Aktien-Braunkohlengewerkschaft Borna für das Einbringen ihres Werkes in die gebildete „Aktiengesellschaft Bleichertsche Kohlenwerke AG Neukirchen/Wyhra“.

In den Folgejahren gab es Betriebserweiterungen, es kamen ab 1907 Elektrobagger und E-Loks im Tagebau zum Einsatz. Da die Kapazität der Seilbahnanlage und der Schachtförderung zur Versorgung der Brikettfabrik nicht mehr ausreichten, wurde 1913 eine neue Seilbahn mit 3,4 km Länge als direkte Verbindung Tagebau-Brikettfabrik vom Bleichertschen Maschinenbauunternehmen errichtet. Die alte Seilbahn wurde stillgelegt. 1913 lieferte der Tagebau täglich bis zu 2800 t Kohle an die Brikettfabrik und an Kleinabnehmer für deren Feuerungsanlagen.

Der Tagebau erreicht 1933 das Grubenfeld des Unternehmens „Kraft“ in der thüringischen Gemarkung, das er nach vertraglicher Regelung teilweise mit abbaute. Es wurden neue Bagger eingesetzt und 1937 wurden eine elektrifizierte Kohlenbahn nach der Brikettfabrik und ein Kohlenbunker neben der Brikettfabrik errichtet. (Die Trasse der Kohlenbahn wird heute als Wander- und Radfahrweg genutzt.)

Die Bleichertsche Kohlenwerke AG hatte sich durch Aktientausch und über gemeinsame Verkaufsorganisation an die Niederlausitzer Kohlenwerke gebunden, die ihrerseits zu einem beträchtlichen Teil im Besitz der tschechischen „Duxer Kohlenwerke“ waren.

Ab 01.01.1940 gehörten der Tagebau und die Brikettfabrik sowie der angrenzende Tagebau Thräna mit der Brikettfabrik „Kraft I“ zu den Braunkohlenwerken Salzdetfurth AG. Das ist eines der Ergebnisse der auf die Kriegsvorbereitung gerichteten Rohstoffpolitik des Dritten Reiches. Ehe dieser Übergang zur Salzdetfurth AG erfolgte, war sie als Ergebnis der Enteignung jüdischer Unternehmer Eigentum der Reichswerke „Hermann Göring“. Der Aktientausch mit den Niederlausitzer Kohlenwerken hatte dazu geführt, dass der Prager Bankier J. Petschek Miteigentümer der Bleichertschen Werke wurde. Im Rahmen der Arisierungspolitik des Nazi-Regimes erfolgte deshalb die Zuordnung zu den Reichswerken.

Dass dieser Vorgang auch personelle Konsequenzen hatte, geht aus einer Mitteilung des Aufsichtsrates der Bleichertschen AG vom März 1939 hervor. Der damalige Betriebsführer Dr. Ing. Gold wurde abberufen, um die unbeeinflusste Durchführung von Ermittlungen des Herrn Reichtreuhänders ... für das Wirtschaftsgebiet Sachsen sicher zu stellen. Die Familie Gold wohnte in Neukirchen in einem der in der Nähe der Brikettfabrik noch bestehenden Direktorenhäuser. Der Vorgang spielte auch nach 1990 nochmals eine Rolle, weil die Nachkommen des Bankiers Petschek Entschädigungsforderungen wegen Neukirchen und anderen Braunkohlenwerken an die Treuhandgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland stellten, die per 01.07.1990 Besitzer der gesamten Braunkohlenindustrie der DDR wurde.

Als ein Zeichen der sozialen Politik der Reichswerke wurde in deren Auftrag das Kauengebäude (heute geschlossenes Fitness-Center) errichtet. Im Treppenaufgang des Hauses ist ein Wandgemälde mit nazistischen Motiven angelegt worden, das nach 1945 von allen nazistischen Merkmalen befreit wurde, um es zu erhalten.

Ab 1940 wurde die Abbauplanung des Tagebaus „Kraft I“ und des Bleichertschen Tagebaus technologisch zusammengefasst und unter dem Namen „Petergrube“ weitergeführt. Es wurden neue Tagebaugroßgeräte zum Einsatz gebracht. 1937 wurde die Seilbahn außer Betrieb genommen und die Förderung auf eine elektrifizierte Grubenbahn umgestellt; im Bereich der Brikettfabrik wurde der Kohlebunker errichtet.

Als Folge des 2. Weltkrieges gingen die Anlagen im Frühjahr 1945 außer Betrieb. Sie wurden ab 1. Mai 1945 schrittweise wieder angefahren. 1946 wurden alle Anlagen volkseigen. Mit einer russisch/sowjetischen Direktion wurden Brikettfabrik und Tagebau bis Februar 1947 als Kombinat „Petergrube“ betrieben, dann erfolgten vom 11.02.1947 bis 25.05.1947 im Tagebau umfangreiche Demontagen, besonders der in den Kriegsjahren errichteten Neubaugeräte. Dies geschah im Rahmen der Reparationsleistungen, die Deutschland zu erbringen hatte.

Eine Wiederausrüstung des Tagebaus mit Geräten geschah ab Herbst 1947, zuerst mit Geräten aus dem ausgelaufenen Tagebau Brigitte/Niederlausitz. Eine teilweise Wiederinbetriebnahme erfolgte am 01.12.1948. Bis zum 01.07.1949 war der Tagebau soweit wieder ausgerüstet, dass alle Schnitte mit Geräten besetzt waren. Mit einer Abbaurichtung nach Norden, später nach Westen schwenkend und in Richtung Süd übergehend (entlang der heutigen B 93) kohlte der Tagebau das Kohlenfeld zwischen Wyhra, Blumroda und Thräna bis 1963 aus. Gewonnen wurden zwischen 1946 und 1963 rund 44 Mio. t Kohle aus dem Flöz II des sächsisch/thüringischen Flözpaketes mit rund 10 m Mächtigkeit. Um sie freizulegen wurden rund 94 Mio. m3 Abraum bewegt. Der ausgekohlte Raum wurde mit Abraummassen verfüllt und wird heute land- oder forstwirtschaftlich genutzt.

Die Verbreitung der Braunkohle aus dem Bornaer Revier und damit aus Neukirchen-Wyhra hätte ohne Zweifel einen schnelleren Verlauf genommen und damit die Wirtschaftskraft des Raumes positiv beeinflusst, wenn ihr nicht der Wettbewerb mit der sächsischen Steinkohle und der böhmischen Braunkohle kräftig entgegen gewirkt hätte. Es bildete sich deshalb eine gemeinsame Absatzorganisation, der „Verkaufsverein der sächsischen Braunkohlenwerke GmbH“ in Leipzig. (Das ist auch zu erkennen an den Preisabsprachen, wie sie aus den Veröffentlichungen im Bornaer Tageblatt abzulesen sind (siehe nächstes Kapitel Die Presse und der Beginn des Bergbaus). Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass bereits 1883 der Bau der Querbahn Borna–Bad Lausick–Grimma angeregt wurde. Der Bau erfolgte 1940 und 1947 wurde diese Strecke als Reparationsleistung an die Sowjetunion wieder zurückgebaut.