Neukirchen-Wyhra, seine Braunkohle, Anfang und Ende

Die eisenbahnlose Zeit

Die erste sichere Nachricht über einen Braunkohlenfund im Raum Leipzig stammt aus dem Jahr 1704. Sie lautet: Als vor einigen Jahren in der Sandtgruben der Stadt Leipzig ein Brunnen gegraben wurde, fand man etliche Lachter (1 Lachter = 200,4 cm) tief unter der Erden große Stücken Holtzes, welches ganz maskasiret (besetzt mit Schwefelkies) und petrificiret (inkohlt, d. h. in Kohle umgewandelt) war. Der Geologe Freiesleben beschrieb es so, als er 1743 nach Freiberg berichtete: Bey Leipzig und in dasiger Gegen, zwischen Elster und Pleiße, ingleichen bei Stätteritz (Stötteritz) hat man ... verschiedene Versuche auf Steinkohle gemacht, und auch geglaubt, Spuren davon entdeckt zu haben, doch ist wegen verschiedener Hindernisse, besonders wegen des häufigen Wassers, so sich gleich bey Absinken der Schächte gefunden hat, nie etwas entscheidendes ausgerichtet worden, und die Sache beruhet meist nur auf Erzählungen.

Freiesleben schreibt auch, dass man 1767 in Neukirchen beim Graben eines Brunnens bituminöses Holz gefunden habe und 1767 sei bei Nenkersdorf auf einem 14 bis 16 Ellen (1 Elle = 66,8 cm), d. h. einem rund 10 m mächtigen Flöz Bergbau um­gegangen.

Im Raum Borna begann also eine umfangreiche Torfgräberei und 1799 stellten der Universitätsbaumeister Siegel und der Maurermeister Uhlmann beim Stadtrat Borna den Antrag, im Bereich des Breiten Teiches auf dem sogenannten Communalplatz nach Torf und Bergkohle graben zu dürfen. Die Genehmigung wurde mit der Auflage erteilt, die entstehenden Löcher wieder zu verfüllen. Den Bornaer Bürgern mussten die gefertigten Torfziegel zum Preis von nur 1 Taler 18 Groschen pro 1000 Stück Torfziegel (in Formen gestrichene und an der Luft getrocknete Braunkohle, wie sie auch unmittelbar nach dem II. Weltkrieg nochmals gefertigt wurden), verkauft werden. Der ansonsten übliche Preis betrug 2 Taler. Natürlich erhob die Stadt Borna auch Abgaben (Steuern). 1804 übernahm die Stadt Borna den Bergbau, stellte in diesem Jahr 176 000 Stück Ziegel her und verkaufte 521 Scheffel (1 Scheffel = rd. 220 Liter) Rohkohle. In den folgenden Jahren stieg die Förderung auf das Dreifache und brachte einen Gewinn von 95 Talern. Auch an anderen Stellen im Umkreis der Stadt wurde gegraben, aber nach wenigen Jahren gingen Mengen und Erträge zurück. Der Abbau wurde eingestellt.

Auf den Flurstücken 571 bis 575 der Gemarkung Wyhra hat der Braunkohlentiefbau Gotthardt (später Braunkohlenwerk Gotthardtsche Erben, danach Braunkohlenwerk Carl Ludwig) von 1858 bis 1870 Kohle abgebaut. Es muss ein mühsames Unterfangen gewesen sein, denn aus alten Berichten geht hervor: 1. Oktober 1872, die Befahrung des Schachtes wegen Wasser nicht möglich, ... und 1872, das Werk ist außer Betrieb, der Schacht ist zu verstreben, der in der Nähe niedergegangene Bruch ist unverzüglich zu verfüllen oder einzuzäunen.

In einer Statistik aus dem Jahre 1859 werden für den Gerichtsbezirk Borna 12 Grubenbetriebe genannt. In Dittmannsdorf und Neukirchen waren es je 3, und je einer in Kesselshain, Wyhra, Witznitz, Ruppersdorf, Blumroda und Wildenhain. Die Kohle wurde überwiegend in Tagebaubetrieben gewonnen. Eine Ausnahme war die Gotthardtsche Grube in Wyhra. Man sprach von Grabungen und Brüchen. Diese Begriffe sind entstanden, weil man die nahe der Tagesoberfläche gefundenen Kohlen ohne großen Aufwand, d. h. ohne große Aufwendungen für die Beseitigung des Deckgebirges, gewonnen hat, bis dieses nachrutschte, also zu Bruch ging. Wie viele Menschen dabei verschüttet wurden ist nicht bekannt.

Die Grundstückseigentümer bauten die Kohle selbst ab. Meist waren es Bauern, die nach Abschluss der Feldarbeiten und nach der Ernte den Abbau durchführten und die Kohle auf ihren Ochsenkarren abtransportierten. Wohlhabende Besitzer von Grundstücken mit Kohlenvorkommen beschäftigen fremde Arbeiter im Saisonbetrieb. Einige Brüche wurden verpachtet.

Mit zunehmender Teufe der Ablagerungen musste man auch in Handarbeit an die Beseitigung des Deckgebirges (Abraum) gehen. Wurden Wasserhaltungen (Fernhalten und Beseitigen von Wässern von und in der Grube) notwendig, geschah das mit handbetriebenen Pumpen. Letztlich entschied das Wasser, wie lange und mit welchem Ergebnis eine Grube betrieben werden konnte.

Der Verkauf der Kohle beschränkte sich auf den nahen Umkreis der Gewinnungsstelle. Der Transport erfolgte mit Pferde- und Ochsengespannen. Weitmaschige Eisenbahn­verbindungen bestanden nicht.

Entscheidend für die beginnende Gewinnung der Braunkohle im 19. Jahrhundert waren folgende Faktoren:

  1. Steigende Holzpreise, da bereits eine Art Raubbau der Wälder zur Deckung des Bedarfs eingesetzt hatte (in der Chronik der Stadt Borna wird darüber geklagt, dass die Wälder bereits stark gelichtet worden seien; die Amtshauptmannschaft sei damit zur waldärmsten in Sachsen geworden),
  2. dass das Landesstraßennetz ab etwa 1840 erheblich ausgebaut wurde,
  3. dass seit 1677 das sogenannte Bergregal, das alleinige Verfügungsrecht des Landesherrn über Mineralien vom Staatstheoretiker Veit Ludwig von Seckendorf bestritten wurde und die Grundstückseigentümer – besonders die Rittergutbesitzer – die Nutzungsrechte für die Braunkohle beanspruchten. (Erst 1918 wurde dieses Recht noch vor der Novemberrevolution im damaligen Königreich Sachsen wiederaufgehoben, was letztlich auch die rechtliche Grundlage für die sich im 20. Jahrhundert entwickelnde Braunkohlenindustrie war.)
  4. Es wurden übertage austretende Flöze oder Flöze mit geringer Abraumüberdeckung im Tagebau abgebaut oder über Schächte mit geringer Teufe (Tiefe), was in der Regel einen geringen Kapitaleinsatz erforderte.
  5. Die erhebliche Steigerung der frühindustriellen Geschäftigkeit.

In einem Artikel der Leipziger Zeitung Nr. 128 des Jahrganges 1838 wird Folgendes als eine „Aufforderung an sorgsame Haus- und Familienväter“ geschrieben:

Die ungewöhnlich hohen Holzpreise des vergangenen Winters, welcher leider nach den vorhandenen Verhältnissen sich in der Folgezeit noch steigern werden, macht es für eine große Zahl von Familienvätern in Leipzig und Umgebung zur Pflicht, auf wohlfeilere Brennmaterialien zu denken und viele derselben haben sich schon jetzt von der Güte, Zweckmäßigkeit und großen Ersparnis der Braunkohlenfeuerung überzeugt.