Wirtschaftsgeschichte der Witznitzer Kohlenwerke

Arbeiterwesen

Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges wurden viele Beamte und Arbeiter in die Reichswehr abberufen, so auch der bisherige Bergdirektor Karl Heinrich Hurthe, welcher am 6. Oktober 1915 fiel. Sein Nachfolger war der Zivilingenieur Hauff, welcher ebenfalls zum Dienst an der Waffe eingezogen wurde. Ihm folgte kurzzeitig Ingenieur R. Hoffmann von den Beunaer Kohlenwerken bei Merseburg, die ebenfalls zur Deutsch-Österreichischen Berg­werks­gesellschaft gehörten. Hoffmann wurde von Dr.-Ing. G. Köhler als Bergdirektor der Witznitzer Werke abgelöst, er blieb jedoch dem Bornaer Standort als stellvertretender Betriebsleiter erhalten.

Als direkte Kriegsfolge kamen immer mehr Frauen in die Betriebe. 1916 waren in Witznitz 135 Arbeiterinnen angestellt, ihre Anzahl sank bis um Ende des Jahres 1918 auf 80 Mitarbeiterinnen.

Durften Frauen vor dem Krieg nur Gelegenheitsarbeiten wahrnehmen, so das Ausbessern von Säcken sowie häusliche Arbeiten, besonders Näharbeiten, das Säubern der Arbeitsräume für die kaufmännischen Beamten und das Zubereiten von Speisen, sollten sie nun ständig im Abraum der Gruben und an den Brikettpressen der Fabriken arbeiten. Die Erfahrungen mit fest angestellten Frauen bewertete man gemischt: In der Brikettfabrik, sowie beim Verladen, waren ihre Leistungen zufriedenstellend. Im Tagebau und Abraumbetrieb wurde sie als sehr mäßig bezeichnet.

Bereits während des Ersten Weltkrieges drängte man Frauen wieder aus dem Bergbau. Einerseits kamen Kriegsgefangene zum Einsatz. Andererseits wurden mehr und mehr wehrfähige Männer mit dem Ziel zurückgestellt, die Versorgung mit Kohlenprodukten zu sichern und zu erhöhen.

Nach Kriegsende wurden die von der Front heimkehrenden Werksangehörigen wieder eingestellt. Außerdem wurde landesweit der Achtstundentag eingeführt. Dies, sowie der stetig steigende Bedarf nach Kohleerzeugnissen und Energie, führten zu einem höheren Arbeitskräftebedarf. Währenddessen sank die Anzahl der angestellten Frauen in den Witznitzer Kohlenwerken auf 10 Arbeiterinnen und verharrte bis zum Zweiten Weltkrieges auf diesem Niveau.

Vom 15. bis 23. März 1919 beteiligten sich die Arbeiter am von der Reichsregierung ausgerufenen Generalstreik gegen den von Freikorps initiierten Kapp-Putsch.

Nach Differenzen mit dem Betriebsrat verließ Bergdirektor Dr. Köhler die Werke im Juli 1919, so dass erneut Hoffmann die Leitung des Betriebs übernahm. Ihm folgte E. Zschocke als Bergdirektor, der bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges diese Aufgabe inne hatte. Hoffmann übernahm als Maschinenoberingenieur die technische Leitung der Werke und blieb bis 1929 auf dieser Position. Er starb am 6. Januar 1931 in Borna.

Einen Einschnitt erfuhr die Entwicklung der Belegschaftszahlen nach der Umsetzung des Dawes-Plans, der nach der Währungsreform von 1923 die Reparationsleistungen der Weimarer Republik an die Siegermächte des Ersten Weltkrieges neu regelte. Einerseits wurde den Unternehmen mit dem „Industriebelastungs- und dem Aufbringungsgesetz“ die Zinszahlung und Tilgung staatlicher Schuldverschreibungen auferlegt. Andererseits wurde mit der Dawes-Anleihe ein Investitionsprogramm in Aussicht gestellt. Gleichzeitig wurden der Wirtschaft Steuererleichterungen zugestanden und durch die stabilisierte Reichsmark Auslandsgeschäfte erleichtert.

Zusätzlich sollte, dem ökonomischem Gesetz der Massenproduktion folgend, die menschliche Arbeitskraft durch kostengünstige maschinelle Arbeitsverfahren ersetzt werden.

Durch die Beschlüsse und Entschlüsse des Jahres 1923 reduzierte sich die Belegschaft der Witznitzer Werke von 1151 Personen auf 651. Dies geschah innerhalb von 12 Monaten. Bis zum Beginn der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise blieb die Anzahl der Werksangehörigen gleich. In dieser Zeit stieg die Förderung von Rohkohle sowie die Produktion von Briketts kontinuierlich. 1923 wurden 698 621 t Rohkohle gefördert, 1929 981 066 t. Demgegenüber standen 257 816 t produzierte Briketts im Jahr 1923, sowie 319 237 t im Jahr 1929.

Die weltweite Depression erreichte 1930 den Braunkohlebergbau. Anders als im Vorjahr war der Winter mild, so dass die Folgen der Krise nicht abgefangen werden konnten. Schließlich brachen die ausgebrachten Mengen um rund ein Fünftel ein. Daraufhin wurden viele Werke gezwungen Feierschichten einzulegen und Braunkohlenbriketts auf Stapel zu legen. Gut ein Drittel der Bergleute und Arbeiter wurde entlassen.

Für den Standort in Witznitz bedeutete dies, dass nur noch 469 Arbeiter im Tagebau sowie im Kraftwerk und der Brikettfabrik tätig waren. Wenngleich sich die Belegschaftsstärke rasch erholte und bis 1933 Vorkrisenniveau erreichte, verharrten die ausgebrachten Mengen zunächst auf dem Stand des Jahres 1930. Grund hierfür war aber auch die Erweiterung des Werkes bis zum Beginn des Großraumbetriebes.