AG Sächsische Werke in Böhlen

Benzin aus Böhlen – eine (fast) unendliche Geschichte

Der 12. März 1936 war ein denkwürdiger Tag für Böhlen. An ihm trat der Ort erstmals als Chemiestandort ans Licht der Öffentlichkeit, denn damals verließ der erste Kesselwagen mit Benzin, das aus Braunkohle hergestellt worden war, die Werksanlagen. Damit erreichten Bemühungen ihr Ziel, die vor weit über einem Jahrzehnt begonnen hatten.

Schon 1917/18, also bereits während des ersten Weltkrieges, unternahmen die staatlichen Braunkohlenwerke Sachsen erste Schwelversuche. Bereits mit dem Aufschluss der Braunkohlenvorkommen bei Böhlen waren Pläne verbunden, die dortige Förderung auch der chemischen Verarbeitung zuzuführen. Man war sich bewusst, dass hier dafür wesentlich günstigere Voraussetzungen gegeben waren als am anderen Großstandort des Unternehmens, in Hirschfelde. In einer 1927 verfassten Denkschrift der ASW heißt es: „Wenn [sich] bei unserem Werk Böhlen die … sog. Bankkohle über das gesamte nördlich von Böhlen für den Abbau in Betracht kommende Gebiet erstreckt“, liegen die Verhältnisse für die chemische Verwertung der Kohle „besonders günstig, weil sich die Gewinnung der bitumenreichen Bankkohle ohne Schwierigkeit mit normaler Baggerarbeit durchführen lässt.“

Die Aktiengesellschaft Sächsische Werke bemühte sich deshalb ernsthaft um den Einstieg in die Kohlechemie. In der zweiten Hälfte der 20er Jahre stieß das Unternehmen damit jedoch auf erhebliche Widerstände. Zwar lagen die für die Kohlehydrierung wesentlichen chemischen Entdeckungen längst vor; es war jedoch keineswegs ausgemacht, ob sich ihre großtechnische Verwertung vom unternehmerischen Standpunkt aus auch rechnen würde. Anlässlich einer am 24. Juni 1927 stattfindenden „Besprechung über die Planung einer Schwelanlage für das Braunkohlenwerk Böhlen“ wurde deshalb beschlossen „zunächst selbst keine Großanlage oder Versuchsanlage zu bauen, sondern erst die Großversuche“ anderer Unternehmen abzuwarten.

Die wichtigsten einschlägigen Patente befanden sich im Besitz der IG Farben. Seit 1927 betrieb die IG in Leuna eine Versuchsanlage zur Hochdruckhydrierung von Kohle.

Für die Braunkohlenunternehmen stellten sich die Anfänge der Kohlechemie somit alles andere als verheißungsvoll dar. Dr. Piatschek, der Generaldirektor des Mitteldeutschen Braunkohlensyndikats, äußerte sich 1928 in diesem Sinne in den Leipziger Neuesten Nachrichten: „Natürlich“, schrieb er, „wendet der Braunkohlenbergbau seine gespannteste Aufmerksamkeit auf diese Dinge. Aber der wirkliche Erfolg ist bisher mehr als bescheiden. Künstlich hergestellte Wertstoffe können zur Zeit noch nicht einen erfolgreichen Wettbewerb mit den von der Natur gegebenen aufnehmen. Nur etwa 3 Millionen t Kohle kommen zur Zeit in den bestehenden chemischen Anlagen zur Verarbeitung; also noch keine 3 % von der Gesamtförderung. Es liegt auf der Hand, dass die chemische Auswertung in diesem Umfange für die Rentabilität des Braunkohlenbergbaues überhaupt noch keine Rolle spielt. Diese Entwicklung bedarf noch viele Jahre ernstester Arbeit.“

Dessen ungeachtet war die ASW weiterhin am Ball. Um die Jahreswende 1927/28 erfuhr die Öffentlichkeit durch die Indiskretion eines Aufsichtsratsmitgliedes der ASW von diesbezüglichen Planungen des Unternehmens. In den „Leipziger Neuesten Nachrichten“ hieß es am 8. Januar 1928: „In Böhlen soll, um eine wirtschaftliche Ausbeutung der Braunkohle zu erzielen, mit der Schwelung der Kohle und mit der chemischen Auswertung des dafür geeigneten Rohproduktes begonnen werden.“ Die Techniker der ASW empfahlen zunächst die Errichtung einer Großversuchsanlage, in der auf verschiedenen Verfahren basierende Anlagen getestet werden sollten. Die Unternehmensführung stellte jedoch die Realisierung des Vorhabens angesichts der ungünstigen Absatzchancen für Schwelteer immer wieder zurück. Nur dessen Verarbeitung zu Treibstoffen hätte eine solche Investition gerechtfertigt.

Vorerst lagen jedoch die Produktionskosten des aus Braunkohle gewonnenen Benzins weit über dem Weltmarktpreis. 1930 musste die IG Farben 40 bis 50 Pfennig aufwenden, um einen Liter Benzin zu erzeugen. Zur gleichen Zeit befanden sich die Preise auf einer rasanten Talfahrt. USA-Benzin, das 1925 noch 15,4 Pfennig/Liter gekostet hatte, wurde 1931 nur noch für 5,2 Pfennig gehandelt. An den deutschen Tankstellen bezahlte man für den Liter Kraftstoff damals 23 Pfennig. Vom unternehmerischen Standpunkt aus erschien die Herstellung von Braunkohlenbenzin mithin kaum sinnvoll.

Ungeachtet dessen wuchs das Interesse an der Verbesserung der einschlägigen Verfahren. Das „Bornaer Tageblatt“ schrieb am 23. Oktober 1933 dazu: „Zurzeit ist Deutschland in seiner Treibstoffversorgung noch durchaus vom Auslande abhängig. Von den 1,36 Millionen Tonnen Betriebsstoff, die 1933 voraussichtlich verbraucht werden, müssen 830.000 Tonnen aus dem Auslande eingeführt werden. Dadurch wird die Außenhandelsbilanz bereits jetzt mit 200 Millionen Mark belastet. Diese Last wird noch beträchtlich größer werden, wenn mit der Zunahme des Kraftverkehrs der Treibstoffbedarf und damit die Einfuhr ausländischer Treibstoffe ansteigt.“

Infolge der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten gesellten sich zu diesen volkswirtschaftlichen Gründen zunehmend auch politische und militärische. Die Ziele der neuen Machthaber ließen sich nur dann verwirklichen, wenn es gelang, eine eigene, von ausländischen Lieferungen unabhängige Treibstoffversorgung aufzubauen.

In diesem Kontext nahmen die Pläne zum Aufbau karbochemischer Anlagen in Böhlen immer konkretere Züge an. Am 22. August 1933 verkündete der sächsische Finanzminister Kamps im Landtag die Absicht, an diesem Standort eine Anlage zur Gewinnung von Benzin aus Braunkohle zu errichten. Eine schnelle Realisierung dieser Pläne wurde jedoch durch verschiedene unternehmerische Interessen verhindert.

Die IG Farben, die im Leuna-Werk eine Anlage zur Herstellung von 300–400 Tausend t Benzin pro Jahr errichtet hatte, hofften zu diesem Zeitpunkt, ihren technologischen Vorsprung in klingende Münze verwandeln zu können. Auf einer von der Reichsregierung initiierten Beratung, die am 3. August 1933 in Berlin stattfand, drohten sie, eine Verletzung ihrer Patentrechte durch die ASW keinesfalls zuzulassen. Der auf dem Gebiet der Kohlehydrierung führende Wissenschaftler Dr. Matthias Pier von der IG Farben vertrat damals die Auffassung, es werde, ganz gleich, welches technische Verfahren man in Böhlen wähle, unausweichlich zu Patentverletzungen kommen. Auch auf dem Gebiet des Anlagenbaus tätige Unternehmen wie die Lurgi GmbH drohten mit Patentklagen. Erst infolge von Gutachten u.a. seitens des Braunkohlenforschungsinstitutes der Bergakademie Freiberg konnten im Herbst 1933 diese Hindernisse ausgeräumt werden. Es ergab sich nämlich, dass keines der Unternehmen ein alleiniges Patentrecht auf die entscheidenden technologischen Verfahrensschritte besaß.

Bereits Anfang September 1933 luden die ASW an vier aufeinander folgenden Tagen die auf diesem Gebiet tätigen Firmen zur Präsentation der unterschiedlichen Verfahren und zu Verhandlungen nach Böhlen ein. Anfang November 1933 lagen die Kostenanschläge für die verschiedenen Anlagen vor. Dennoch zögerte man in der Dresdener Unternehmenszentrale mit einer endgültigen Entscheidung. In einer Stellungnahme zum Projekt „Treibstoff-Gewinnungsanlage Böhlen“, die am 16. Dezember 1933 für das sächsische Finanzministerium verfasst wurde, ist die Rede davon, dass „die ASW zu ihrem Bedauern außerstande“ sei, „ein finanzielles Risiko für das eingereichte Projekt zu übernehmen.“ Schließlich gelte es, „keinesfalls neue Schulden aufzunehmen, sondern in den nächsten Jahren mit erhöhten Raten die vorhandenen Schulden zu tilgen“, die aus den Dollaranleihen resultierten, die für den Bau der bisherigen Anlagen aufgenommen worden waren.

Das Unternehmen versuchte selbst die bei der Projektierung anfallenden Kosten weitgehend zu minimieren. Als im August 1933 ein freiberuflicher Ingenieur für Gutachtertätigkeiten auf dem Gebiet der Hochdruckhydrierung beauftragt werden musste, bat die ASW das Finanzministerium, es möge ihr beim Aufbringen der dafür nötigen Honorarmittel in Höhe von 5000,– Reichsmark behilflich sein. Die Summe wurde schließlich durch die „Kraftverkehr Freistaat Sachsen Aktiengesellschaft“ zur Verfügung gestellt.
Auch etwaigen finanziellen Risiken bei der Errichtung der Anlagen versuchte die ASW aus dem Wege zu gehen. In der bereits zitierten Stellungnahme vom 16. Dezember 1933 heißt es, man solle erwägen, „ob die Durchführung des Projektes zweckmäßig einer neu zu gründenden GmbH zu übertragen wäre, deren Finanzierung durch das Reich oder durch das Land Sachsen zu erfolgen hätte.“
Dieser Vorschlag umfasste bereits einige Aspekte jener Lösung, die im Herbst 1934 durch die nationalsozialistische Reichsregierung herbeigeführt wurde. Diese sah freilich hinsichtlich der entscheidenden Frage, jener der Finanzierung ganz anders aus, als sich das die Unternehmensführung der ASW vorgestellt hatte.

Am 21. September 1934 wurden führende Unternehmensvertreter aller bedeutenden deutschen Braunkohlenwerke ins Reichswirtschaftsministerium geladen. Reichsbank­präsident Hjalmar Schacht verkündete auf dieser Konferenz, es sei beabsichtigt, „an das Problem der Treibstoffversorgung in einer Gemeinschaftsarbeit der Braunkohle heranzugehen. […] Es sei beabsichtigt, die Braunkohlenindustrie in ihrer Gesamtheit für die Kapitalbeschaffung heranzuziehen.“ Es solle eine Aktiengesellschaft gegründet werden. Hinsichtlich der Technologie habe man sich für das Hydrierverfahren der IG Farben entschieden. Da die Braunkohlenwerke durch ihre Lieferungen an dem Vorhaben verdienen würden, sollten sie auch für die Investitionskosten aufkommen.

Anders als die meisten anwesenden Unternehmensvertreter äußerte die ASW keine Bedenken gegen dieses Vorhaben. Viel mehr bemühte sie sich von vorn herein lediglich darum, dass ihr Produktionsstandort Böhlen für ein zu errichtendes Benzinwerk favorisiert würde. 

Da die Mehrheit der Braunkohlenwerke nicht bereit war, sich freiwillig an diesem Projekt zu beteiligen, wurde eigens zu dessen Realisierung am 28. September 1934 eine „Verordnung über die Errichtung wirtschaftlicher Pflichtgemeinschaften in der Braunkohlenwirtschaft“ erlassen. Am 19. Oktober 1934 beriet Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht im Berliner Reichswirtschaftsministerium mit einem kleinen Kreis von Unternehmensvertretern Detailfragen der Gründung einer Aktiengesellschaft. Dabei wurde hart um die Höhe der Einlagen, den Beitrag der Einzelfirmen und juristische Fragen gerungen. Auf Grundlage dieser Verhandlungen erfolgte am 26. Oktober schließlich die Gründung der Braunkohlen-Benzin AG, der Brabag. „Gegenstand des Unternehmens ist“, hieß es im Gesellschaftervertrag, „die Herstellung von Treibstoffen und Schmierölen unter Verwendung von Braunkohle und die Errichtung sowie der Erwerb von Anlagen, die zur Erreichung und Förderung dieser Zwecke geeignet sind.“

Als Gründer traten zehn Unternehmen auf, die IG Farben, die Ilse-Bergbau AG, die Deutsche Erdöl AG (DEA), die Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG, die Braunkohlen- und Brikett-Industrie AG (Bubiag), die ASW, die Elektrowerke AG Berlin, die Rheinische AG für Braunkohlenbergbau und Brikettfabrikation, die Mitteldeutsche Stahlwerke AG und die Anhaltischen Kohlenwerke Halle. Als Grundkapital wurden 100 Millionen Reichsmark vereinbart.

Unmittelbar nach Abschluss des Gesellschaftervertrages spitzte sich der Kampf um die Standortverteilung der zu errichtenden Benzinwerke zu. Während die Bubiag Mückenberg in der Niederlausitz ins Spiel brachte, hoben die ASW die Vorzüge Böhlens hervor. Darüber hinaus war von Magdeburg die Rede, da man dort Kohle verarbeiten konnte, deren Zusammensetzung jener gleich kam, die von der IG Farben in Leuna verwendet wurde.

Seitens der Braunkohlenindustrie stieß das von der IG Farben praktizierte Kohlehydrierverfahren verbreitet auf Ablehnung. Deshalb beschloss man am 8. November 1934, anstelle eines großen nach diesem Verfahren arbeitenden Werkes an verschiedenen Orten drei kleinere Anlagen zu bauen, die auf unterschiedlichen Technologien beruhen sollten. Man war der Ansicht, dies sei auch im Kriegsfall von Vorteil.

Die Standortwahl für das zuerst zu errichtende Werk fiel auf Böhlen. Hier sollte ein Teerhydrierungswerk nach dem IG-Verfahren entstehen, ausgelegt auf die Herstellung von 150 Tausend t Treibstoffe im Jahr. Dafür wurde eine Investitionssumme von 50 Millionen Reichsmark vorgesehen. Offizieller Baubeginn sollte am 1. Januar 1935 sein. Die tatsächlichen Bauarbeiten setzten allerdings erst im Laufe des Frühlings ein.

Die Standortentscheidung zugunsten Böhlens war ein Erfolg für die ASW, barg aber zugleich gewisse Risiken für das Unternehmen: Um dem Hydrierwerk Teer liefern zu können, musste das Unternehmen am Standort auf eigene Kosten eine Großschwelerei für die Erzeugung von 200 Tausend t Teer im Jahr errichten. Zudem schien keineswegs ausgemacht, dass diese zusätzliche Investition auch zukunftsträchtig sein würde, war man doch seinerzeit der Ansicht, die Teerhydrierung könne in absehbarer Frist durchaus als technologisch überholt gelten.

Darüber hinaus reichte die Kapazität der vorhandenen Anlagen für die neuen Anforderungen nicht mehr aus. Neue Trocknerhäuser wurden gebaut und die Leistung der Mahlanlage durch neue Mühlensysteme erhöht. Eigens für die Schwelerei wurde eine zweite Brikettfabrik errichtet. Im Kraftwerk verlängerte man die beiden Kesselhäuser und ersetzte eine der Gegendruckmaschinen durch zwei 25-MW-Tubinen.

Die gesamte Region erlebte infolge des Baubeginns in Böhlen einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Vor allem entstanden viele neue Arbeitsplätze. „Bei der ASW“, notierte Böhlens Ortschronist Oskar Fritzsche damals dazu, „waren zu Anfang Oktober [1935] 1250 Mann beschäftigt, wozu 250 Angestellte kommen. Brabag und ASW beschäftigen zusammen also über 5000 Arbeiter. Bei der Brabag sind allein 124 Baufirmen beschäftigt.“ Seitens der Unternehmensleitung der Brabag sprach man von 50 bis 60 Tausend Personen, die durch den Bau des Benzinwerkes Böhlen Arbeit gefunden hätten.

Parallel zur Errichtung der Werksanlagen wurde auch der Ausbau der Siedlungen vorangetrieben. Allein in Böhlen entstanden 310 Wohnungen. Oskar Fritzsche fasste all das voller Lokalstolz mit den Worten zusammen: „In Böhlen pulsiert ein Leben wie wohl an wenigen Orten in unserem Reiche.“