AG Sächsische Werke in Böhlen

Böhlen – eine Gemeinde im Wandel

Die wirtschaftliche Entwicklung Böhlens ist, zumindest bis zum 1. Weltkrieg, untrennbar mit der Eisenbahn verbunden. Als am Nachmittag des 19. September 1842 in der Kahnsdorfer-Kieritzscher Flur die Bahnstrecke Leipzig-Hof sowie der Bahnhof Kieritzsch eröffnet wurden, ahnte noch niemand, wie die damit verbundenen gewaltigen Umwälzungen unsere Region verändern würden. Bis dahin dominierende Städte, wie Pegau, Rötha und Zwenkau verloren schrittweise ihre Bedeutung. Den Rang lief ihnen die kleine damals bedeutungslose Gemeinde Böhlen ab. Dieses Dorf im Leipziger Kreis - zum Amt Pegau gehörig und zwei Stunden davon entfernt - liegt am linken Ufer der Pleiße, besaß eine Pfarrkirche und ein schriftsässiges Rittergut. Zum Rittergut gehört auch das Dorf Stöhna. Nach 1875 kam Böhlen zum Amtsgericht Rötha.

Die Eisenbahn

Doch vorläufig verlief alles in herkömmlichen Bahnen. Nur zögernd durchbrachen neue Betriebe und Produktionsformen überkommene Strukturen und Traditionen. Steinkohle und immer mehr Braunkohle als alternative Energieträger ersetzten Holz als Brennstoff, doch der Mangel an den nötigen Verkehrsanbindungen verhinderte vorerst eine optimale Vermarktung der Braunkohle in unserer Region. Mit der Entwicklung der Eisenbahn wurden alle Voraussetzungen geschaffen, um dies zu verändern.

Oskar Richter überliefert uns aus jenen Jahren einen Bericht von Richard Neschke, in dem dieser die Veränderungen bis 1920 festhält.

Richard Neschke beginnt seine Chronik über Böhlen mit dem Kauf einer Gärtnerei am 16. Juni 1873 im Bereich der Weststraße 3. Er fand einen heruntergekommenen Betrieb vor, den er wieder auf Vordermann brachte. Heute befinden sich auf dem Gelände der ehemaligen Gärtnerei Schule, Förderschule, C-Kaufmarkt sowie Teile des Wohngebietes Fröbel-, Goethe- und Lessingstraße. Als Neubürger in der Altgemeinde Böhlen sind die Ausführungen Richard Neschkes für uns deshalb so bedeutungsvoll, weil er die Entwicklung der Gemeinde zwischen 1873 und 1910 – insbesondere der Eisenbahn – sachlich und objektiv beschreibt.

Fast scheint es, dass er die Bedeutung des zukünftigen Industriestandortes vorausahnt. Warum nun Böhlen und nicht der Bahnhof Kieritzsch zu dem wichtigen Umschlagplatz der Region wurde, lassen seine Darlegungen erkennen.

Der Bahnhof – wohl besser der Haltepunkt – befand sich an der gleichen Stelle wie heute. Das Bahnwärterhäuschen mit Fahrkartenausgabe war dort, wo heute die Unterführung ist und wo 1848 der damalige Gasthofsbesitzer August Weise den Vorgängerbau des Bahnhofsrestaurants errichtet hatte. Daneben befand sich eine Kohlehandlung, die man 1858 abbrach, um Platz für ein Bahnhofsgebäude zu schaffen. Das Bahnhofspersonal bestand 1850 aus dem Haltestellenaufseher, einen Schlagzieher (Schrankenwärter) und einem Güterbodenarbeiter. Nach 1871 nahmen der Güter- und Personenverkehr einen gewaltigen Aufschwung, so dass es 1874/75 zu grundlegenden baulichen und organisatorischen Veränderungen kam. So wurde u.a. der Güterbahnhof ums Dreifache vergrößert.

Zum großen Kaisermanöver auf den Feldern zwischen Böhlen-Zeschwitz-Pulgar wurden provisorische Bahnsteige eingerichtet, die dann vorschriftsmäßig umgebaut wurden. Da an diesem Tag zwischen 6:00 und 10:00 Uhr aller 10 Minuten ein Zug hielt, wurde an der Stelle der heutigen Unterführung eine Schranke errichtet, um Unfälle zu vermeiden. Rechts vom Übergang stand ein Brunnen sowie ein kleines Wärterhaus für die dienstfreie Zeit des Personals. Zwischen Leipzig und Böhlen gab es keinen Haltepunkt für Frachtgut. Ein neues Stationsgebäude und ein neuer Güterboden wurden 1878 gebaut.

Bis 1907 musste man noch die Gleise überqueren, ehe dann die Unterführung gebaut wurde, der Fußgängertunnel wurde 1911 eingeweiht. Da Rötha verwaltungsmäßig auch für Böhlen zuständig war, führte der Bahnhof die amtliche Bezeichnung „Böhlen bei Rötha“. Erst nach dem Ende des preußisch-deutschen Kaiserreiches 1918 wurde daraus „Böhlen bei Leipzig“.

Die Altgemeinde

Das Dorf Böhlen bestand aus dem Rittergutsbezirk nördlich von Kirchgasse, Kirche und Otto-Fischer-Straße sowie der südlich davon liegenden Altgemeinde. Dort wo sich heute die Normaluhr befindet, war der alte Dorfplatz. Von hier führten Wege nach Gaulis, Geschwitz und Rötha. Am Gasthof Friedel, dem ehemaligen Gemeindeschank , endeten die von Stöhna-Leipzig, Zwenkau-Zeschwitz und Pulgar-Pegau kommenden Verbindungen.

Diese auf den ersten Blick recht ungewöhnlichen Wegeführungen, die an der Gemeinde vorbeiführten bzw. vom Dorfplatz ausgingen, ist ein Hinweis darauf, wie sich die Bindungen zum alten Amtsmittelpunkt Pegau verloren, während die zum benachbarten Rötha immer stärker wurden. Alle Straßen die westlich der Pleiße auf Böhlen zuliefen, trafen beim Gasthof Friedel (den alten Kommuneschank) zusammen. Von hier führte nur ein Weg entlang der Süd- und Waldstraße zu einer Pleißenfurt, die sich südöstlich des Freibades befand, nach Geschwitz und weiter nach Magdeborn. Dieser alte Weg verlor sehr früh an Bedeutung, wurde aber nie vergessen, denn er wird bis heute noch benutzt, wenn die Röthaer zu Fuß oder mit dem Fahrrad ins Böhlener Bad wollen. Der alte Dorfkrug - viel zu weit vom Dorf entfernt - war wohl eine alte Herberge für die Reisenden. Dafür spricht auch die Tatsache, dass sich die alte Dorfschmiede bis zum Ende des 19. Jht. im Eckbereich von Süd- und Weststraße und nicht im Dorf befand. Die ehemaligen Herren von Böhlen und Geschwitz hatten unter anderem auch die Aufgabe, die Pleißenfurt zu sichern. Die Bahnhofstraße, Karl-Barthelmann-Straße und Röthaer Straße wurden zu den Keimzellen der späteren Großgemeinde Böhlen.

Am Ende des 19. Jahrhunderts gab es in der aus 111 Häusern bestehenden 900-Seelengemeinde weder offizielle Straßennamen noch Hausnummern. Grundlage der Lokalisierung blieben noch lange die Brandkataster. So ist es kein Wunder, wenn es für die Post bei der Zustellung von Briefen und anderen Sendungen zu erheblichen Schwierigkeiten kam. Erst 1908 kam es, wie Hans Hirsch im Amtsblatt vom 21. August 1998 schreibt, zu diesbezüglichen Veränderungen. Am 26. Juli 1908 hatte der Gemeindeälteste Kluge einen Antrag bezüglich der Einführung von Straßennamen und Hausnummern eingebracht. Auf der Gemeinderatsitzung am 14. November 1908 wurde der notwendige Beschluss gefasst. Reinhold Gutzschebauch als Protokollant dieser historischen Sitzung hat folgendes festgehalten:

Der Weg

  • nach Pulgar wird Südstraße genannt (Karl-Barthelmann-Straße)
  • von Kluges Gut bis zum Rittergut und weiter bis zu H. Schmidt heißt Schulstraße (Kirchgasse)
  • vom Rittergut bis zu Gutzschebauch wird die Kirchstraße (die Karl-Marx-Straße von der Normaluhr bis zum Rathaus)
  • von Gutzschebauch bis Menge wird die Gemeindestraße (Otto-Fischer-Straße)
  • vom Armenhaus – dem Röthaer Fußweg entlang – wird die Villenstraße (Jahnstraße)
  • vom Spritzenhaus nach dem Wald wird die Waldstraße
  • vom Bahnhof bis zum Dorfplatz wird die Bahnhofstraße
  • vom Dorfplatz an bis zur Händelchen Fabrik die Röthaer Straße
  • die kleine Gasse von Schiebold zu Taubert wird die Kohlenstraße (Südstraße).

Mit der Anfertigung und dem Anbringen der Straßenschilder wurde der ortsansässige Malermeister Schiebold beauftragt. Die Kosten für ein Straßenschild betrugen 1,20 Mark, für eine Hausnummer 65 Pfennige.

Wie schon erwähnt, bildete der Rittergutsbezirk eine eigenständige Verwaltungseinheit, darin wohnten von alters her die Gutsuntertanen. Dieses Wohngebiet, zu dem auch das Gut mit Herrenhaus gehörte, lag nördlich der Otto-Fischer-Straße und östlich des Rittergutes. Formal waren die Gutsangehörigen nach der „Aufhebung des Gesindezwangsdienstes der Untertanenkinder und der freieren Gestaltung der ländlichen Dienstverhältnisse“ gleichberechtigte Gemeindemitglieder geworden, doch es dauerte noch Jahrzehnte, ehe es zu einer einheitlichen Dorfstruktur kam. Neschke erwähnt ein kleines Bauerngut in der damaligen Kirchstraße 8, dass schräg gegenüber der Kirche lag und von Angehörigen des Rittergutes bewohnt wurde, weil es zum Rittergut gehörte. Er bestätigt damit obige Darlegungen. Wie ein Gürtel umschlossen im Westen und Norden Rittergutsfluren die Altgemeinde Böhlen, deren Besitzer hier bis 1832 das Sagen hatten. Wie aus diesen Darlegungen hervorgeht, wurde der Bahnhof Böhlen und ein Großteil der Bahnstrecke zwischen Grossdeuben und Gaulis auf den ehemaligen Flächen des Rittergutes Böhlen gebaut. Damit war schon Jahrzehnte vor der Gründung der ASW-Böhlen der erste Schritt zur kommerziellen Vermarktung des Rittergutes getan worden.

Der wirtschaftliche Aufschwung

Noch bis zum 1. Weltkrieg dominierte in Böhlen die Landwirtschaft. Vor diesem Hintergrund ist die Zeit der Entwicklung von Handwerk und Gewerbe zu sehen. Gegenüber den Nachbargemeinden Pulgar, Stöhna und Zeschwitz wuchs in jener Zeit die Bevölkerung sprunghaft an. In Böhlen kam es zu einem starken wirtschaftlichen Aufschwung. Nahezu explosionsartig ist die Bevölkerungszunahme von 1890 bis 1910. Nur in Espenhain ist eine ähnlich starke Zunahme zu verzeichnen.

Wenden wir uns der wirtschaftlichen Entwicklung zwischen 1871 und 1900 zu. Motor der Konjunktur ist die Eisenbahn und der Bahnhof Böhlen. Besonders der Gartenbau und das Kürschnereiwesen profitieren davon. Durch die dynamische Entwicklung Leipzigs wuchs ständig der Bedarf an Nahrungsmitteln. Das Transportmittel Eisenbahn erlaubte es dem Leipziger Großhandel aus dem weiteren Umfeld der Stadt schnell und kostengünstig frische Produkte für den Markt bereitzustellen. Die Landwirtschaft konnte diesen Bedarf nur decken, wenn es zur Spezialisierung der Betriebe kam. Gartenbaubetriebe waren – besser als herkömmliche Landwirtschaftsbetriebe – in der Lage, diese Bedürfnisse zu decken. Der zweite bedeutende Wirtschaftszweig jener Zeit profitierte indirekt vom Bedarf der nahen Großstadt an Fleischprodukten. Felle und Tierhäute sind die Rohstoffe für Kürschner und Zurichter, die ein weiteres Standbein der Wirtschaft in jener Zeit waren. Böhlen veränderte sich in einem unwahrscheinlichen Tempo!

Fortunapark

Der Höhepunkt dieser ersten wirtschaftlichen Blüte ist untrennbar mit dem Leipziger Stadtrat und Bankier Heinrich Dodel verbunden. Dieser hatte zwischen Pleiße und Gauliser Straße einen umfangreichen Grundbesitz erworben. Sein Ziel war es, ähnlich wie in den Leipziger Vororten Gautzsch, Oetzsch und Raschwitz (heute zu Markkleeberg), eine Villensiedlung für zahlungskräftige Leipziger zu bauen. Zentrum dieser Wohnanlage sollte ein romantischer Park mit exotischen Bäumen und Pflanzen werden. Als der Gewinner des Hauptpreises der Lotterie anlässlich der „Sächsisch-Thüringischen-Landwirtschafts- und Gewerbeausstellung“ von 1897 seinen Gewinn für 30.000 RM an Heinrich Dodel verkaufte, konnte dieser seinen entstehenden Park eine weitere Besonderheit hinzufügen und schaffte so eine besondere Attraktion für das aufstrebende Böhlen. Mit Fortunavilla und -park besaß die Gemeinde ein Ensemble, welches die Epoche des Jugendstils in Deutschland eröffnete. Leider verfiel die Villa und musste abgerissen werden. Damit ging erst in jüngster Zeit ein Baudenkmal aus jener Epoche verloren. Geheimrat Dodel konnte seine hochfliegenden Pläne nicht verwirklichen. Zwar überstand er den Zusammenbruch der Leipziger Bank relativ unbeschadet, doch sein kurz darauf erfolgte Tod ließ seine Pläne wie eine Seifenblase zerplatzen.

Im Schatten dieser Entwicklung, von der Öffentlichkeit nicht beachtet, bereitete sich ein Wandel vor, der Böhlen zu dem wirtschaftlichen Zentrum werden ließ. Noch in den 90ziger Jahren des 19. Jahrhundert und lange vor der Gründung der ASW müssen diesbezügliche Grundstücksspekulationen in Gang gekommen sein. Sie dienten dem alleinigen Zweck, möglichst große, zusammenhängende Ländereien kostengünstig zu erwerben, unter denen die reichen Braunkohlenvorkommen lagerten.

Da der Tagebau Böhlen ab 1921 aufgeschlossen wurde, müssen die notwendigen Flächenkäufe schon auf lange Hand vorbereitet und abgeschlossen worden sein.

Wenn es um 1925 zu einer relativ problemlosen Flurbereinigung kommt, indem Bauern für ihre Ländereien, die die ASW benötigte, mit Rittergutsfeldern entschädigt werden, muß Herr Senft von Pilsach, trotz gegenteiliger Beteuerungen sein Rittergut an eine „Kohlegesellschaft“ verkauft haben. Aus dem verschlafenen Bauerndorf wurde im rasanten Tempo eine Industriegemeinde.